Report eines bettlägerigen Mittzwanzigers

Vielleicht sieht man es mir ja an: Die strubbeligen Haare, das aufgequollene Wasserleichengesicht und dazu diese kleinen gelben Schmodderkristalle in den Augen, die außen kross und innen cremig sind. Schlechter Atem, schleppender Gang, gebeugte Haltung. Sie ahnen es schon: Ich verbringe viel Zeit im Bett. Sehr viel Zeit. Pro Tag etwa 15 bis 20 Stunden. Meistens schlafe ich, den Rest der Zeit verstecke ich mich auf dem Klo. Mutter macht wegen meines Bettkonsums schon semilustige Scherze. Neulich abends zum Beispiel, als ich gerade am frühstücken war, fragte sie, ob meine Augen denn schon zugewachsen seien. Hahaha, Mutter, wenn du nur halb so lustig wie grenzdebil wärst. Und überhaupt, was für ein Mumpitz, wo ich doch klar und deutlich mein Frühstück erkennen konnte: Ein Haufen schwammiger Kartoffelbrei – und irgendwas grünes. Hat auf jeden Fall scheiße geschmeckt, was sie da gekocht hat.

Egal. Wenn man so viel Zeit wie ich auf der Matratze liegt, fängt man früher oder später an, gut darin zu werden. Ich habe zum Beispiel jeglicher Hygiene abgeschworen, denn nur ein gut eingesifftes Bett garantiert so unerholsamen Schlaf, dass man nach dem Aufwachen sofort weiterpennen muss. Also: Körperpflege eher minimalistisch betrachten, Bettwäsche nur im Notfall von Mutter reinigen lassen.

Ich habe mir auch mal von einem befreundeten Gynäkologen eine Phiole Fruchtwasser besorgt. Normalerweise verkauft er das nur an Ultra-Hardcore-Pädophile, aber bei mir hat er eine Ausnahme gemacht. Das Fruchtwasser habe ich dann über’m Bett versprüht, um das Schlaferlebnis noch embryonaler zu gestalten. Boah, war das geil. Habe geschlafen wie ein von einer Tse-Tse-Fliege gestochenes Baby. 45 Stunden.

Und dann war da der Tag, an dem ich Mutter erzählte, dass ich eine offene Stelle gefunden habe. Sie freute sich sehr. Sie freute sich nicht mehr so sehr, als ich auf ihre Nachfrage hin präzisierte, dass es sich nicht, wie sie annahm, um eine offenstelle im Medienbusiness handelte… sondern im Bein. Diese Stelle halte ich bis heute offen, denn sie ist äußerst praktisch. Mein klobiges Smartphone prallt nun nicht mehr in der Hosentasche gegen meinen Oberschenkel, sondern fügt sich organisch in ebendiesen ein.

Zur Zeit denke ich darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, sich noch weitere offene Stellen zuzulegen. Am Arm zum Beispiel, da ist das Schreibwerkzeug nicht nur schnell zur, sondern auch in der, Hand. Eine offene Stelle am Kopf hingegen ist sehr schön anzuschauen, aber schwer hinzubekommen. Dennoch: Irgendwann habe ich mein drittes Nasenloch. Dann ziehe ich das Koks weg, wie es sonst nur der Taubenvergrämer schafft.

Nun könnte man meinen, dass ich wegen der vielen Zeit, die ich zwischen schwitzigen Laken verbringe, eine einsame Sau bin. Und das stimmt auch. Zumindest gibt es keinen Menschen, der mich mag. Und dennoch bin ich fest in einem sozialen Netz eingewoben, bin einer von vielen, bin Adressat von Liebe und Zuneigung. Eines Tages, als ich gerade selig schlummerte und von Buttercroissants träumte, wurde ich von einem angenehmen Juckreiz auf meiner Hand geweckt. Nachdem ich mir die Krümel aus den Augen gepult hatte, konnte ich erkennen, was Sache war. In schuppig-roten Lettern stand da „Hallo und Danke“ mit Ausrufezeichen auf meinem Handrücken. Der Punkt des Ausrufezeichens war aus einem klitzekleinen Häufchen Schorf gebaut. Zunächst dachte ich, dass ich mir den Scheiß vielleicht selbst in die Hand gekratzt hätte. Mein Gynäkologenfreund konnte mir dann aber sagen, dass die roten Buchstaben nicht gekratzt, sondern gefräst worden waren. Verwirrt legte ich mich wieder hin.

Mit der Zeit tauchten immer mehr rätselhafte Botschaften auf meinem Körper auf. Man ein joviales „ey jo Alter was geht?!“, dann wieder Ungereimtheiten wie „BLFKZM Fragezeichen Fragezeichen Minus Mengenklammer zu, Dollarzeichen @ Schrägstrich Günter Verheugen.“ Schließlich offenbarten sich die anonymen Autoren, als eines Morgens folgender Text auf meiner Stirn juckte – in Spiegelschrift übrigens:

„Hallo Arschkrampe. Wir sind die Bettmilben. Witwenstand ist specklos, oder so. Wir wollten auch nur kurz sagen, dass wir da sind. Ach und wo wir gerade dran sind: Findens knorke, dass du dich nicht wäschst. Danke!“

(Hier würde ich gerne ein kleine editorische Notiz einfügen: Und zwar hätte man an dieser Stelle wunderbar den Gag mit den Schuppen aus den Haaren bringen können, aber erstens ist der schlecht und zweitens käme das in meinem Fall zu kurz, weil mir die Schuppen eigentlich überall rausfallen. Aber weiter im Text…)

Da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich hatte Freunde! Sie fühlten sich wohl bei mir, die lieben kleinen Milben. So bauten sie auf meinem Rücken blutige Autobahnen, erfanden in meiner Kimme den Ackerbau und leider auch das Feuer in meinem offenen Bein. Wir hatten gute Zeiten, in denen sie mir winzige Statuetten aus Milbenkot schnitzten. Und wir hatten schlechte Zeiten, zum Beispiel, als Mutter mein Kopfkissen neu bezogen hat. Ganze Clans wurden vernichtet, die Überlebenden standen unter Schock und die unter Schock stehenden Milbenjournalisten schrieben in ihre Zeitungen, dass alle unter Schock stünden und der Typ im Bett ebenfalls unter Schock stünde, aber einen ergiebigen Mitesser auf der Nase habe.

Aber wie es bei jeder guten Freundschaft so ist, verstarb irgendwann der eine Partner. Meine kleinen Freunde hatten sich prächtig entwickelt. Schulen, Krankenhäuser, ein Bed Wide Web, Konstruktivismus, Tomatensaft. Nur an der eigenen U-Bahn scheiterten sie. Ein Milbenbaumeister hatte sich geirrt und statt harter Hautschuppen aus dem Ellbogen weiche Babyhaut von der Fußsohle verwendet. Zuerst brachen die Schächte zusammen, dann das bettweite Milbenkot-Archiv. Danach stürzte der ganze Laden ein und mit ihm mein Bett und mit ihm ich. Keiner überlebte. Alle tot. Ich war – und bin – wieder einsam. Aber ich bin zuversichtlich. Bald werde ich von Neuem eine große Evolution im Kleinen erleben, den Aufstieg einer Zivilisation, den Advent eines Wunders. Denn ich bin sicher, liebe Parasitenfreunde:

Das Leben findet einen Weg.

Was wirklich geschah

Dies ist mein objektiver und zu einhundert Prozent wahrer Bericht über die vielgelobte @Frauenfuss-Vernissage am 12.12.2009 im Kölner Kulturbunker. Überall liest man, was das denn für ein geiles Event gewesen sei und wie toll es sei sich die Bilder anzugucken, Flammkuchen zu essen und sich auch mal in echt an die ganzen Twitter-Prominenten ranschmeissen zu können.

Die Wahrheit ist: Das alles ist gelogen und Teil einer groß angelegten PR-Kampagne. Die positive Berichterstattung wurde von langer Hand geplant und erzwungen. Das kollektive Honigindiefressegeschmiere beruht nicht auf tatsächlichen Tatsachen, sondern ist rein fiktive Propaganda zur Mehrung von Michaela von Aichbergers Ruhm. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass das alles eine Initiative des verarmten Landadels ist, um die ständische Agrargesellschaft wieder zu etablieren. Warum das jedoch mittels bemalter Moleskine-Büchlein funktionieren soll, ist zur Stunde unklar.

Wie auch immer: Ich habe keine Angst vor Sanktionen und werde meinen ungeschminkten Tatsachenbericht veröffentlichen, da ich meinen Geist mit Massageöl vorbereitet habe, um den krummen Klauen der Gehirnwaschmaschine zu entgleiten.

Wie gesagt, der Ort der Veranstaltung war der Kulturbunker in Köln – wobei die Betonung auf Bunker liegen sollte. Bunker sind Orte der Gewalt und des Krieges. Oder des Golfsports. Dabei fing es noch relativ harmlos an. Meine nichttwitternde Schwester Kathrin und ich näherten uns  aus nordöstlicher Richtung. Licht, weiß getünchte (!) Backsteine, Menschen. Wir wagten uns hinein und betrachteten einige der aufgeknüpften Bilder. Dabei fragten wir uns, woher eigentlich die ganzen Moleskine-Bücher kommen. Immerhin ist es so, dass eine gerahmte Zeichnung immerhin ein ganzes Büchlein in Anspruch nimmt. Und Billigkeit ist nicht unbedingt die auszeichnende Qualität von Moleskine. Es scheint also, als sei auch die “Guck mal wie geil wir sind, Hemingway”-Firma ein Rädchen im Getriebe der Maschine.

Nachdem wir uns akklimatisiert hatten, suchte ich die verantwortliche @Frauenfuss auf, um guten Tag zu sagen. Die reagierte wenig erfreut über das Aufbegehren des tumben Mobs und sagte so etwas wie “Mache es sich weg, das Geschmeiß. Nur, wer des Hofes würdig ist, werde gemalt.” Auf diesen Schock ein Bier oder zwei.

Danach hörten wir der @leah_herz zu. Aus Respekt vor dem Alter sei hier nur soviel gesagt: Fett cremig, Alte!

Nach diesem Lichtblick kam es leider zur Eskalation. Etwas schüchtern stellte ich mich dem Popliteraten @Vergraemer vor und meinte, dass ich seine Tweets voll lustig finde und so und ob das wirklich alles so stimme, was er schreibt. Auch hier stießen wir auf Genervtheit – nicht jedoch aus Gründen des Gottesgnadentums, sondern reiner Prominentenexzentrik. Er murmelte “scheiß Fans” und stieß mich unsanft gegen die Brust, sodass ich zurücktaumelte und gegen die Wand prallte. Unter meinem Körper zerbrach dabei der Glaskasten mit der Zeichnung von, und das ist nun fast schon witzig, @Vergraemer. Dieser reagierte mit schäumender Mundpartie und Salamiresten zwischen den Zähnen und boxte dem nächstbesten Typen in den Bauch. Leider war das der zweimeterfünfziggroße @m_ICH_ael, der seinen Kamerabehang flink zur Schleuder umfunktionierte.

Es kam zu unschönen Szenen. Binnen Sekunden entstand eine Situation, in der die Besucher der Ausstellung die kinetische Energie ihrer Extremitäten einsetzten, um möglichst großen Schaden an Ort und Volk anzurichten. Einzig @RZChefredakteur blieb ob der Krise gelassen und versuchte sich schützend über die Zeichnung seiner Zeitung zu werfen, wurde aber von einer Bierflasche am Schienbein getroffen.

Gerade, als mir @scherzinfarkt mit seinem Micro schön die Fresse polierte, betrat @silenttiffy die Szene. In freudiger Erwartung, gleich von dem Exodus aus dem Paradies (sozialistisches Polen) berichten zu können, musste der Anblick von Wahnsinn und Gewalt großen Schaden an ihrem verletzlichen Künstlergemüt verursacht haben. Ihr kennt bestimmt alle diese Kloppzenen aus Filmen, wo zwischen all dem Tumult ein Kind sitzt, das vor sich hinstarrt und vor- und zurückwippt. Diese Rolle erfüllte @silenttiffy blendend. Ihr schleimig-keuchendes Hüsteln machte den Eindruck perfekt.

Ich bin mir sicher – wäre @stijlroyal da gewesen, er hätte die Vernissage befrieden können. So aber blieb mir nichts weiter als die Flucht. Meine Schwester musste ich leider zurücklassen. Ihr Verbleib ist ungewiss.

Aus der Ferne erstrahlte der Kulturbunker schließlich in flackernd-orangem Feuerschein, ehe ich von einer Gruppe Mülheimer Problemkinder ausgeraubt wurde.

Akademische Pissgedanken

Wenn ich an der Uni ein Referat halte, denke ich manchmal darüber nach, was wohl passieren würde, wenn ich mir jetzt – unintendiert – in die Hose pinkeln würde. Aus diesem Gedanken ergeben sich dann ganz verschiedene Handlungsszenarien, deren Beachtung oder Nichtbeachtung weitreichende Konsequenzen für das Grußverhalten der  Kommilitoninnen und Kommilitonen angesichts meiner daherlaufenden Person ergeben. Die Chance, beim Vorbeigehen für die Bildung tuschelnder Grüppchen verantwortlich zu sein, will möglichst gering gehalten werden. Von der ruinierten Hose ganz zu schweigen.

Also! Wenn’s warm im Schritt wird, muss gehandelt werden. Und zwar schnell. Folgende Alternativen entstehen dabei in meinem pfeilschnellen Gehirn. (Wohlgemerkt während ich das Referat halte und mir vorstelle… Sie wissen schon.)

ERSTENS. Die erste Option ist gleichzeitig die verlockendste. Dem größer werdenden dunklen Fleck im Schritt gilt es mit souveräner Rötung des Gesichts zu begegnen. Man schaut an sich herunter, hebt den Blick wieder und nimmt Augenkontakt mit dem Plenum auf, wobei darauf zu achten ist, dass die eigenen Augenbrauen Verwunderung kommunizieren. Ohne ein Wort stürmt man nach draußen, wobei es nur stringent wäre, den ein oder anderen Stolperer einzustreuen. Dem Streber in der ersten Reihe kann man noch die Unterlagen vom Tisch fegen, er wird’s verzeihen.

Diese erste Alternative mag zwar den meisten Spaß bringen, dürfte aber soziale Sanktionen nach sich ziehen. Eine spektakuläre Performance , die in ewigem Außenseitertum resultiert? Hier gilt es abzuwägen.

ZWEITENS. Die Fassung bewahren. Etwas sagen. Zum Beispiel “Oh, pardon, ich muss mal kurz vor die Tür.” Gemessenen und genässten Schrittes den Raum verlassen. Die Toilette aufsuchen und die Hose unter dem Waschbecken komplett befeuchten, sodass die Hose wieder einfarbig ist. Man wird denken, man habe sich eine neue, dunklere Hose angezogen. In den Seminarraum zurückkehren und das Referat fortsetzen. Bedenken, dass die Hose noch im Waschbecken liegt, umkehren, Hose anziehen, Referat fortsetzen.

Zwar erntet man auch mit dieser Option den Lohn des Stigmas, allerdings signalisiert man mit der gefassten Reaktion auf die Inkontinenz eine gewisse Routine. Die Studierendenschaft wird ein chronisches Blasenleiden vermuten. Unser Verhalten zeigt jedoch, dass wir mit dieser Situation umzugehen wissen.

DRITTENS. Das dritte Handlungsszenario stellt höchste Ansprüche an Selbstherrschung und inszenatorische Kompetenz. Denn es gilt, den peinlichen Fleck einfach zu überspielen. Ein guter Einstieg dazu ist sich umzudrehen, sobald man bemerkt, dass sich die warme Flüssigkeit ergießt. Zwar sollte man seinem Auditorium nicht den Rücken kehren, doch müssen Sie Ihre präsentatorischen Fähigkeit schulen, um auch diese ungünstige Kommunikationssituation zu meistern. Wildes Gestikulieren wird Ihre Zuhörer vom plötzlichen Umdrehen ablenken. Erhöhen Sie Ihre Sprechlautstärke. Wichtige Thesen dürfen auch gerufen werden. Im Anschluss ans Referat gibt es keine Diskussion, da Ihr Vortrag so gut war, dass keine Fragen offen bleiben. Sie verbeugen sich und verlassen den Raum – dabei aber nicht umdrehen!

Wenn diese Alternative konsequent durchgezogen wird, sind keinerlei Repressalien zu befürchten. Allerdings sollten sich wirklich nur geübte Redner auf Variante 3 verlassen.

Diese Szenarien entstehen also in meinem Kopf, während ich eine Referat halte und mir vorstelle, spontan in die Hose zu machen.

Dann mache ich mir spontan in die Hose. Sofort drehe ich mich um, fange dabei an zu heulen, rudere wild mit den Armen und postuliere laut schreiend, dass die Ego-Shooter-Ästhetik im Film Elephant äußerst facettenreich umgesetzt sei. Das Thema ist aber Niklas Luhmanns Systemtheorie. Das fällt mir dann auch auf, worauf ich den Raum verlassen möchte. Ich bleibe mit der Hüfte am Tisch hängen und stürze einem Medieninformatiker ins Netbook. In dessem Netzkabel verfange ich mich, trete in eine Umhängetasche und erreiche schließlich die Tür. Diese öffnet sich nur nach innen und wird von sitzenden Studenten versperrt. Umständlich machen sie mir Platz, während ich Nasenbluten bekomme. Als die Tür endlich offen ist, entschwinde ich und kehre nie mehr zurück.

Kopulation im Himmelreich

fatboy_slim

Manche Anekdoten sind zu lang für 140 Zeichen. Zum Beispiel folgende Schulgeschichte, an die wir uns gerne erinnern und dann lachen. Und auch später, wenn wir alt und hässlich sind, werden wir uns erinnern und dann lachen und so die grauenvollen Auswirkungen des Alters für Sekunden vergessen können.

1998, achte Klasse, Norman Cook veränderte mit Big Beat die Welt, machte sie besser, wir rollten auf einer Welle fetter Bässe durch die Jugend. Englischunterricht. Wir übten ganz alltäglichen Smalltalk. Unsere Lehrerin, Frau Thomas, war schon ein bisschen älter und sehr auf gute Manieren bedacht – very british, oder so. Julian war sowas wie ein Klassenclown.

Fr. Thomas: “So, Julian, what are you doing in your free time?”

Julian: “I am listening to Fatboy Slim!”

Fr. Thomas: “Who is Fatboy Slim?”

Julian: “FATBOY SLIM IS FUCKING IN HEAVEN!”

Einen Raumverweis später hatten wir uns dann totgelacht.

(Bild: CC by minifig/Flickr)

Infinite-Twitpic-Theorem

Es gibt da dieses Theorem, das besagt, dass Affe + Schreibmaschine + unendlich Zeit = William Shakespeares Werke ergibt. Variationen davon erhöhen die Anzahl der tippenden Affen bis ins Unendliche oder wollen als Ergebnis keine englische Schnarchliteratur, sondern sowas fetziges wie den Gesamtbestand der französischen Nationalbibliothek. Auf Wikipedia ist das ganze sehr schön erklärt, auch wenn es einige Spinner mal wieder übertreiben mussten mit ihrer Formelmasturbation.

Die schockierende Wahrheit ist, dass dieses Theorem bereits in der Praxis umgesetzt wird. Geschickt getarnt als Twitterbildchendienst Twitpic. Die beschäftigen leider keine Affen an Schreibmaschinen, sondern seelenlose Maschinen, die jedem hochgeladenen Bild eine Zufalls-URL zuweisen. Natürlich kommt da bei 99,9% nur Quatsch bei heraus, genau wie bei den Affen, aber ab und zu produziert der Zufall Worte mit Sinn – die natürlich nicht das geringste mit dem jeweiligen Bild zu tun haben. So gibt es etwa folgenden Prosatext, der eindeutig dadaistisch-aphrodisisch inspiriert ist.

twitpic.com/HELLO
twitpic.com/WANT
twitpic.com/FUCK
twitpic.com/CAUSE
twitpic.com/ME
twitpic.com/LIKE
twitpic.com/SEX

Andere, mitunter fatalistische Werke handeln von den Herausforderungen des tristen Alltags.

twitpic.com/MY
twitpic.com/CAR
twitpic.com/BROKE
twitpic.com/DOWN
twitpic.com/WHAT
twitpic.com/AMESS
twitpic.com/CONS
twitpic.com/IDER
twitpic.com/SUI
twitpic.com/CIDE

Und so läuft sie, die Literaturmaschine.

:) \o/

esr

Emoticons haben unter Menschen, die meinen, etwas von geschriebener Sprache zu verstehen, einen schlechten Ruf. Man mache es sich ja auch allzu leicht, metasprachliche Signale, Ironie, Zynismus und so weiter mit einem simplen Smiley auszudrücken. Da gehe das Gefühl für Sprache verloren, man müsse sich bei der Formulierung nicht mehr anstrengen et cetera bla bla.

Ich halte das bisweilen für Quatsch, bisweilen für richtig. Fest steht, dass Emoticons in der medialisierten Alltagskommunikation dominanter werden (vgl. dazu diesen Tweet von @id404). Fest steht auch, dass Emoticons mitunter kein platter Ersatz, keine Abkürzung mehr sind: sie sind selbst Gegenstand von (ironisch gebrochener) Reflektion. Sie werden mit viel Feingefühl eingesetzt. So wie hier auf esreality.com, einer Communityseite für so genannten E-Sport, also kompetitiv betriebene Computerspiele. Demnächst startet ein großes E-Sport-Event in Dubai. Alle großen Quake Live-Spieler sind am Start und in einer Ankündigung wurde allerausführlichste Berichterstattung versprochen. Berichterstattung heisst hier: Livestream der Spiele, dazu Kommentar. Macht unglaublichen Spaß. Sollte man also nicht verpassen.

Die Coverage ist so ausführlich, dass ein ganzes Wochenende dafür draufgehen könnte. In den Kommentaren zu der Ankündigung diskutieren die User nun über eventuelle Schwierigkeiten, die der Besitz, äh, das Vorhandensein einer Freundin auslösen könnte. Der User becks benutzt Emoticons dabei auf eine wunderbare Art und Weise, die seine Hin- und Hergerissenheit illustriert: Einerseits kommt seine Freundin zurück, was ihn freut, andererseits wird ihm diese erfreuliche Tatsache das Verfolgen der Berichterstattung verunmöglichen. Dafür braucht becks nicht mehr als zwölf Worte und vier Smileys.

#rzf oder Schnitt(chen)stelle Print-Web oder There’s no Path to Follow

Entschuldigungen ob der Verstaubtheit dieses Blogs interessieren niemanden und darum widme ich mich direkt dem Thema: Was passiert, wenn eine Regionalzeitung twittert und ihre Follower einlädt? Es folgt ein (natürlich) subjektiv verblattwerktes und eingefärbtes Gehirnprotokoll eines sogenannten “Followerabends” in Koblenz: Die Rhein-Zeitung gewährt einigen ihrer Follower Zutritt zum “Newsdesk” (früher sagte man: Redaktion), spricht mit ihnen und lässt sie in den Eingeweiden der Druckerei herumspazieren.

Und natürlich gibt es Schnittchen.

Um Zeuge dieses Symptoms eines Medienumbruches – und der Reaktionen der tradierten Massenmedien darauf – zu werden, genügt: Fragen. Die Redaktion wählt dann nach mir nicht bekannten Methoden unter der mir nicht bekannten Anzahl von Rückmeldungen eine endliche Anzahl von Followern aus, sendet ihnen ein Word-Dokument mit Angaben zu Zeit/Treffpunkt zu und harrt der Fressen, die da kommen.

Ich fuhr zusammen mit dem mächtigen @senadpalic hin und traf auf ein Grüppchen junger Menschen (wobei jung hier bedeutet: ab 19 über Mittzwanziger bis zu Ü40, aber deutlich U50). Interessant: Neben uns wartete ein Rentnerpärchen, die für eine “normale”, also nicht mit Twitter assoziierbare, Führung gekommen waren. Wäre ja auch ein weltbildzerschmetternder Klops gewesen.

Ein Trainee begrüßte und führte uns in einen Besprechungsraum, wo wir von Lachs-, Schinken- und Salamischnittchen mit Handschlag begrüßt wurden. Dort aßen wir den @RZChefredakteur sowie einen Redakteur des RZ-Twitterteams. Kann aber auch sein, dass ich da was durcheinanderbringe. Auf jeden Fall leiteten die Schnittchen eine kleine Begrüßungsrunde ein, jeder Follower (mit stilechtem Namensschildchen auf dem Tisch) wurde kurz anmoderiert und dann gefragt, wie er/sie zu Twitter gekommen ist, wie es das Leben beeinflusst, welcher Art die eigenen Tweets sind, was man generell davon hält und Hallo und Leckerdarfichnocheinkäseschnittchen und Wowardochgleichderflaschenöffner. Parallel zum Palaver beamte ein Beamer das jeweilige Profil an die Wand und ein RZ-Schnittchen klickte hier und dort auf einen Link. Spaßig und interessant.

Nach der Kür die Pflicht:Wahrscheinlich aus ehrlicher Interessensvermutung führte uns der oben bereits erwähnte Trainee in den handfest-materiellen Part des RZ-Klotzes: Papierkeller, belasertes Aluminium und gigantische und furchtbar schnelle Druckmonster (Assoziation eines Followers: Schiffsmotor). Sehr laut, insofern verstand man nicht so viel von den Ausführungen des Ausführers, außerdem sorgten die eigenen Mobiltelefone im Allgemeinen sowie @senadpalic im Speziellen für diffundierte Aufmerksamkeit.

Man mag versucht sein, solch eine konservative Gebäudeführung im Rahmen einer Zusammenkunft, die sich um ein  shiny new Medium dreht, für ideenlos oder eine Option aus Mangel an Alternativen zu halten. In Wahrheit aber macht genau dieser Kontrast den Reiz einer solchen Veranstaltung aus: Oben redet man über ein gehyptes Internetmedium und im Keller des gleichen Gebäudes rödeln große Maschinen an einem Blatt aus Papier, wie es traditioneller nicht sein könnte (vgl. Altersdurchschnitt der RZ-Leser). Und so ist es eben doch ganz ertragreich, wenn junge Netzmenschen (“Digital Natives”, Zitat Christian Lindner) mit großen Augen dabei zusehen, wie sich eine alte Zeitung (wenn auch leicht verspätet) mit den Herausforderungen des Web auseinandersetzt, ohne den Bodenkontakt zu verlieren.

Außerdem, und das ist ein vielsagendes Detail, war der Chefredakteur die ganze Zeit dabei – und das sicherlich nicht, weil ihm sonst langweilig gewesen wäre. Nach der Führung trug ebendieser noch ein paar Dinge zu crossmedialem Journalismus, den verschiedenen Plattformen der Rhein-Zeitung und dem kommenden Wahlmobil vor, was für mich eigentlich der schwächste Moment des Followerabends war, weil er doch eine großzügige Messerspitze Eigenwerbung enthielt (und der @RZChefredakteur wird sich nun in die diabolische Faust lachen, denn das war ja sowieso eine große Heizdeckenfahrt und dass ich darüber blogge ist ja noch viel mehr Reklame und ach herrje). Und so war es auch nur konsequent, dass wir uns zum Abschied entweder ein Taschenlämpchen oder einen RZ-Knirpsregenschirm als Giveaway aussuchen durften. Sicher aufrichtig nett gemeint, aber überflüssig.

Würde man mich zwingen den Abend knapp zu bilanzieren, so würde ich sagen “schön & gut”, inklusive aller darin enthaltener metasprachlicher Signale. Mit viel Mühe umgesetzt, vielleicht noch zu wenig Dialog (wobei ich mir selbst mangelnde Laberlaune vorwerfen lassen müsste und die Herren ja auch mal Feierabend machen wollten). Und so halte ich es mit diesem Followerabend wie mit der Piratenpartei: Es ist wichtig und ein vielsagendes Anzeichen für kommenden Veränderungen, dass es so etwas überhaupt GIBT. Und dass es so etwas gibt, ist gut so.

Ach ja, Fotos wurden auch gemacht:

http://www.flickr.com/photos/senadpalic (von @senadpalic)

http://www.getdropbox.com/gallery/1860398/1/2009-08-27%20RZ%20Followerabend?h=bac795 (von @mittelrheintal)