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Beiträge vom April 2007

Spam am Puls der Zeit

30. April 2007 · 1 Kommentar

Von: Fuck You Canley

Betreff: Vortrefflicheneuigkeit. Firma Geheimnis

Nischenaktie vor Umsatzvervielfachung Die in Zug ( Schweiz) ansaessige Tier-Spezi AG ist seit Dezember vergangenen Jahres an der Frankfurter Boerse notiert.( A0LB1T)

Ueber das Internet wird Tierbedarf an eine wachsende Zahl von Kunden veraeussert. Die Preise liegen dabei zum Teil deutlich unter denen der Wettbewerber, ermoeglicht durch den Umstand, dass Tier-Spezi selbst in Asien fertigen laesst.

ISIN CH0027339107
WKN A0LB1T
Kuerzel TS1.F

Im Januar gelang der Abschluss einer weitreichenden Kooperation mit dem US-Marktfuehrer 1-800-petmeds ( Nasdaq, Kapitalisierung 400 Mio. USD )!!!

Tier-Spezi steht Marktgeruechten zufolge jetzt auch vor dem Einstieg in den aeusserst lukrativen Markt des Merchandising. Welche Margen dort erzielbar sind, zeigt die Euphorie um den Berliner Eisbaeren Knut. Pro Aktie koennten in diesem Geschaeftsjahr durchaus ? 0.40 ( 10 Millionen Aktien emittiert) erwirtschaftet werden, womit ein KGV zwischen 3 und 4 vorliegen duerfte. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir die Aktie zum klaren Kauf (Freitag ? 1.10) mit einem 6-Monatskursziel von ? 2.50.

Per Adressat beleidigt zu werden sorgt grundsätzlich schon einmal für Aufmerksamkeit. Wer auch immer Canley ist, ein kräftiges „Fuck You“ macht Spaß. Und siehe da: Jemand ist so freundlich, mich in ein Firmengeheimnis einzuweihen. Und zwar wird mir der Kauf von Tier-Spezi-Aktien ans Herz gelegt – wegen Eisbär Knut!

Ein unschlagbares Argument. Und so aktuell. Dem ganzen Witz liegt wahrscheinlich diese Pressemeldung zugrunde, aber irgendetwas stimmt nicht: Wer genau will mich hier eigentlich verarschen? Wo ist der Link, auf den ich klicken soll, um Geld loszuwerden? Wo ist die Handlungsaufforderung, wo die Bankverbindung? Oder stecken gar die Tier-Spezis selbst dahinter? Halblegales Guerilla-Marketing, das nenne ich verwegen.

Die Blüten des großen Spamgartens schillern in allen Farben und alles passt hinten und vorne nicht.

Kategorien: Best of Spam

Minutentext 1

30. April 2007 · Kommentar schreiben

Neben der Tastatur liegt eine Stoppuhr, wahlweise das Handy mit Countdown-Funktion. Die Zeit: 60 Sekunden. Start drücken, lostippen, beim Signal aufhören und einen Punkt setzen, sich vorher keine Gedanken machen, danach nur die Tippfehler ausbessern. Das ist der erste Selbstversuch:

Ein Gefühl im Darm, ein Druck, soll weggehen. Weiße Spannbetonwände, sie sagen, das sei Absicht gewesen damals in den 70ern, quasi architektonisch so gewollt. Mir gähnt da nur trockene Ödnis entgegen. Immerhin: In regelmäßigen Abstän.

Kategorien: Minutentexte

Blau

24. April 2007 · Kommentar schreiben

Abgesehen von blauen Schlieren im Innern seiner Augenlider sah Andreas nicht besonders viel. Aber dieses seltsame Licht genügte ihm, denn es bewegte sich. Ein langsames Wabern, so wie das geschmolzene Zeug in einer Lavalampe, hier und da Spuren hinterlassend. Bizarre Formen entstanden, kobaltblaue Landschaften ohne Leben.

Schön. Andreas sah dem von seinem Gehirn konzipierten Schauspiel mit wachsender Begeisterung zu. Und je länger er zusah, desto tiefer rückten die Erinnerungen und Gefühle, die ihm der gestrige Abend bescherte, in einen angenehm verschwommenen Hintergrund. Er war schon immer gut im Verdrängen gewesen. Und gerade arbeitete er an seinem Meisterstück. Jetzt tat sich eine neues, wunderschönes Panorama in tiefem Blau vor ihm auf – und wenn er den Hügel dort hinten erreicht haben würde, wäre das Werk vollbracht: Der lästige Vorabend wäre vorerst unter einem schweren Teppich aus Illusionen vergraben.

Andreas war stolz auf sich. Was er beinahe schon vergessen hatte war allerdings, dass es dazu überhaupt keinen Grund gab. Gestern, es war ein Samstag, hat Andreas sämtliche Register gezogen, die ein vorbildlicher Sozialversager so ziehen kann. Nachmittags aus dem Bett gefallen, vor dem Frühstück schon die erste Tüte, Freundin angerufen und grundlos beschimpft, Dealer angerufen und grundlos Drogen bestellt, kein Geld gehabt, trotzdem ausgegangen. Sich irgendwie in den miesesten Club der Stadt gemogelt, Thekenpersonal beschissen, zuviel getrunken, Streit mit den falschen Freunden angefangen, kotzen gewesen.

Soweit nichts Neues. Die richtig hässlichen Szenen ereigneten sich, nachdem Andreas vom fetten Securitymann vor die Tür gesetzt wurde. Als er wieder rein wollte, fing er sich eine Kopfnuss. Alle anderen Clubs ließen ihn nicht mehr rein, weil die Platzwunde auf seiner Stirn nicht salonfähig war. Dabei wollte er sich doch nur weiter betäuben. Doch statt zu saufen, zog er blutend durch eine kalte Großstadt, verlor sein Handy und landete schließlich in einer U-Bahnstation, wo er einem Penner grundlos in die Nieren trat. Später belästigte er ein Mädchen, doch er war zu besoffen, um ihr ernsthaft gefährlich zu werden. An seine Freundin dachte er keine Sekunde. Er kotzte erneut und ab da war alles dunkel.

Gerade ergoss sich ein zähflüssiger Strom aus blauem Karamell in seinem Kopf.

Genug, fertig. Andreas öffnete die Augen, stand auf, baute einen Joint und fühlte sich großartig.

Kategorien: Bilder

Update: Gut geölt

21. April 2007 · Kommentar schreiben

Nicht nur der Medienapparat legt angesichts verzweifelter Hilfeschreie in Amoklaufform große Routiniertheit an den Tag. Auch die Bösewichte selbst scheinen mittlerweile zu wissen, wo der Hahn im Deich kräht. Jüngstes Beispiel: Natürlich Seung-Hui Cho, neues Maskottchen der Virginia Tech. Dieser fertigte vor und irgendwie auch während seiner Tat eine DVD mit Fotos und Videos an, deren Grad an Selbstinszenierung alles Dagewesene in den Schatten stellt.

Das Neue daran ist, dass die Massenmedien nicht nur mit der Tat selbst gefüttert werden, nein: Dazu gibt’s als Bonus ein liebevoll verschnürtes Multimedia-Paket vom Amokläufer. Mit wallpapertauglichen Aufnahmen und noch mehr bewegten Bildern. Cho wusste um den Impact dieses Materials und hat sich pre mortem noch ein Stück unsterblicher gemacht.

Wir halten fest: Der zeitgenössische Amokläufer geht routiniert mit dem Medienapparillo um und ergänzt seine Tat mit intermedialen Gimmicks. Früher waren solche armen Geschöpfe noch keine Medienprofis, heute schon.

Was bringt die Zukunft? Verteilt der super homicidal maniac of the future über feingliedrige Vertriebskanäle selbst hergestellte ICQ- und Winamp-Skins? Blutbadbegleitende Vista-Themes? Passende Klingeltöne? Redaktionelle Begleitung im kill-em-all-Blog?

Ich bin sicher: Wir werden sehen.

Kategorien: schöne Medienlandschaft

Gut geölt

17. April 2007 · 3 Kommentare

Da war es mal wieder so weit: In den USA lebender Mensch x erträgt Zustand y nicht mehr und bringt Menschenmenge M um (wobei x Element M). Wir sind gespannt, welches Phänomen diesmal als Begründung für den gestrigen Amoklauf in Blacksburg / Virginia verantwortlich gemacht wird.

Interessant war indes zu beobachten, wie flink die bundesdeutsche Medienlandschaft, insbesondere das TV, ansprang. Binnen weniger Stunden verfügen alle Sender über das gleiche verwackelte Handycam-Video, N24 konsultiert Experten und führt Telefoninterviews mit stotternden Augenzeugen. Später am Abend – besonders makaber – läuft eine „Doku“ über das Columbine-Massaker im alten Jahrtausend. Die Geschwindigkeit, in der das gesamte Programm auf das aktuell heißeste Thema umgestellt wird, ist erschreckend.

Ähnlich morbide Blüten treibt, bewusst oder unbewusst, die aktuelle Berichterstattung im Internet. Spiegel Online wartet neben Bildgewalt und Fotostrecke sogleich mit einer Zusammenfassung bisheriger Amokläufe auf, damit man den gestrigen auch persönlich irgendwo zwischen „spontaner Anfall“ und „geplantes Großattentat“ einordnen kann:

Screenshot von spiegel.de

Unwillkürlich komisch kommt der Newsticker der Rhein-Zeitung daher. Interessant, wie groß der Unterschied an Relevanz zweier meldungswürdiger Nachrichten sein kann. Ein Tier mit Zahnschmerzen im gleichen Atemzug, binnen zwei Minuten, mit dem Amoklauf.

Screenshot von rhein-zeitung.de

Bild geht bewährte Pfade. Wo sich die anderen noch mit allgemeinen Meldungen über Tathergang, Opfer und dem Drumherum begnügen, extrahiert Bild die erste Heldenstory mit Gesicht aus dem Vorfall. Binnen einer Nacht. Das bringt Quote!

Screenshot von bild.de

Kategorien: schöne Medienlandschaft

World of MyCraft

16. April 2007 · 2 Kommentare

Mädchen spielen mit Puppen. Jungs spielen mit Autos.

So wollen es die sozialen Geschlechterrollen (Gender). Allerdings sind Puppen und Autos mittlerweile extrem uncool. Spätestens, wenn ein heranwachsender Mensch die Schwelle der Pubertät erreicht, werden die alten Spielzeuge uninteressant und Neues muss her. Die Folge:

Mädchen spielen mit MySpace. Jungs spielen mit World of Warcraft.

Und doch spielen sie alle, Männlein und Weiblein, mit dem selben Spielzeug.

Ich behaupte, dass der Erfolg der Phänomene MySpace und World of Warcraft (und auch Second Life, aber das lutschen andere aus) im Grunde der gleichen Motivation entspringt. Die größte Social Networking-Seite der Welt ist gleichzusetzen mit dem größten MMORPG der Welt. Haben beide doch augenscheinlich überhaupt nichts miteinander gemein: Während dort Menschen ihre Kontakte pflegen, Bilder und Videos einstellen und sich profilieren, kämpfen an anderer Stelle mutige Elfen, Orks und Menschen um wertvolle Gegenstände und Reputation. Doch erstrecken sich die Gemeinsamkeiten auch nicht auf den sichtbaren Teil, der Berührungspunkt liegt auf struktureller und psychologischer Ebene.

Beide Institutionen erlauben es dem User, sich eine virtuelle Identität zu schaffen und sich anschließend mit dieser Identität zu identifizieren. Für MySpace mag das befremdlich erscheinen, weil doch eine faktisch reale Person lediglich ein Profil erstellt. Aber aus der Perspektive der anderen User bleibt das Profil – und zwar nur das Profil – als Referenzobjekt, um sich ein Urteil über diesen Menschen zu bilden. Es ist davon auszugehen, dass das virtuelle Userprofil eines Menschen kein glaubwürdiges und genaues Bild der Realität wiedergibt. In der realen Welt gibt jeder Mensch ein Bild ab, ob er will oder nicht. Auf MySpace und Co. geben die Menschen das Bild von sich ab, das sie abgeben wollen. Sie konstruieren oder modellieren sich selbst und achten genau darauf, welche Aspekte ihrer Person sie der Öffentlichkeit preisgeben und welche sie unterschlagen. Menschen, die das in der realen Welt tun, wertet man als unehrliche Blender oder „falsche Leute“ ab.

Für World of Warcraft gilt das ebenfalls. Man kreiert sich einen Avatar, der äußerlich nichts mit dem realen Spieler zu tun hat. Man wird aufgrund seiner Spielstärke und seines Einsatzes bewertet, die Person dahinter ist fast irrelevant. Der Spieler investiert seine Persönlichkeit in etwas Virtuelles.

Beiden Instanzen liegt also ein Akt des Bauens zugrunde. Wie bei Lego. Allerdings bestehen die Klötzchen beim Spiel „MySpace“ aus sorgsam ausgewählten Versatzstücken des Profilinhabers (Bilder, Musikstücke, Videos, Äußerungen), während das Spiel „World of Warcraft“ einen eigenen Pool an Bausteinen mitbringt. Die Auswahl ist begrenzt. Das, was äußerlich an kreativer Eigenleistung unmöglich ist, wird durch eine umso tiefere Identifizierung mit der Spielfigur ausgeglichen.

Der Baukasten von MySpace ist größer und besteht aus Werkstoffen, die aus der Realität gewonnen werden. Der Baukasten von World of Warcraft ist kleiner, dafür bricht das Spiel jede Bande mit der Realität und erlaubt eine hundertprozentige Abkapselung von ebendieser. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kategorien: Erkenntnisse

Die Chippendales ziehen in den Krieg

10. April 2007 · 6 Kommentare

Was bleibt von einem Film, der kurz nach Erscheinen Debatten über Faschismus auslöst und die Iraner zum Knatschen bringt? Schlechterdings ein vom Kontext aufgeblähtes Konstrukt, das sich selbst nicht mehr erkennt. Ziehen wir uns also Scheuklappen an und richten unseren Blick auf das, worum es eigentlich geht: 300.

Kurz: Alte Schlachtgemälde haben laufen gelernt. Das ist der markanteste Eindruck nach 117 Minuten abstrahierter Bildgewalt. Frank Miller (und somit auch Zack Snyder) greift auf die älteste Semantik der Menschheit zurück – Gut gegen Böse. Und er tut das in einer seltenen Klarheit und Einfachheit. Die superathletischen Spartiaten verteidigen Kind und Kegel gegen Gottkönig Xerxes, eigentlich aber Bruce Darnell 2.0. Da braucht selbiger nicht einmal „mehr Drama“ einzufordern, dafür sorgen schon Leonidas und sein Rudel Testosteronmonster: leichentürmend, apfelessend und kehlenschlitzend als todbringende Chippendales-Division mit homosexuellem Touch.

Dreihundert Männer, ein jeder mit Sixpack aus der Muckibude, das ergibt 1.800 eingeölte Bauchmuskeln, wahrscheinlich härter als jede moderne Kevlarweste. Ein Wunder eigentlich, dass die mannigfache Perserschaft angesichts solcher Männlichkeit nicht die Flucht ergreift. Im Gegenteil: Das Weltreich verpulvert Fußvolk durchsetzt von Zwischen- und Endgegnern, darunter Elefanten, mutierte Samurai und Oger. Und immer brennen die Spartiaten das gleiche Feuerwerk ab: Phalanx, Speerstöße, Blutrausch, Blutbad, Blut. In der Verschnaufpause gibt es frisches Obst.

Herrlich.

Es ist ein Augenschmaus, wenn sich Leonidas in Zeitlupe durch Horden vermummter Perser metzelt, den Tod im Gesicht und mit einem Bein in der Hölle. Wer braucht da die (im Comic nicht einmal enthaltenen) Heimatszenen mit Königin, Intrigen und Frauenschmalz? Was man erwartet, ist eine Leinwand voller Klingen und Blut, stilisierte Kampfkunst erleichtert um Zeit und Raum und ein Minimum an Dialogen. Das bekommt man größtenteils.

Der Freundin sind die Nippel der nackten Mädchen zu groß, der Freund mag Xerxes’ Synchronstimme nicht, ein Grieche trägt deutlich erkennbar eine Impfnarbe auf dem Oberarm – Kleinigkeiten. 300 hat im Trailer eindeutige Erwartungen geweckt. Und 300 hat diese Erwartungen erfüllt. Nicht mehr und nicht weniger. Zack Snyders Film darf als Diashow, als Actionspektakel und ganz bestimmt als geglückte Comicverfilmung gesehen werden.

Aber bitte nicht als Parabel auf Irakkrieg, Riefenstahl oder Herrenrassenthematik. Wer sich dennoch damit beschäftigen will und wem selbst ein Bogen zum 11. September oder Alamo 1836 nicht zuviel ist, wird hier exzellent bedient.

An apple a day keeps the Persian away.

Kategorien: Besprechungen

Update: Sozialhydrologie

7. April 2007 · Kommentar schreiben

Hoimar von Ditfurth schrieb hier:

„Paradiesische Zustände, das sind immer auch Verhältnisse, in denen die eigene Verfassung im Einklang ist mit dem Zustand der Umwelt. Das ist immer auch eine Weise der Geborgenheit, in der das Individuum passiv in einer Umwelt aufgeht, von deren Rhythmus es sich tragen lassen kann.“

Das wiederum bestätigt diesen meinen Beitrag: Glücklich ist, wer keine Verantwortung trägt, wer Teil seiner Umgebung ist, wer mit seiner Umwelt eins ist. Und somit nicht von ihr unterschieden werden kann.

Platon hatte also Recht. Und die Zen-Buddhisten sowieso.

Kategorien: Biologische Konstanten

Innenansichten eines Einrichtungsgegenstands

1. April 2007 · 2 Kommentare

Tick. Tack. Tick. Tack.

Sei doch endlich still.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Elf Jahre jetzt… Tick. Und noch nie war Ruhe. Tack. Sind das Batterien für die Ewigkeit? Tick. Tack.

Elf Jahre. Elf Jahre und keiner will sich setzen. So langsam gehen mir die Beschäftigungen aus. Die graubraunen Blüten auf der bleichen Blumentapete sind gezählt. Genau zweitausendsechshundertsiebenundvierzig. Ein paar davon sind nur halb drauf, die habe ich dann weggelassen. Ich kenne jede Falte der vergilbten Spitzengardine, jeden Winkel des beige-verstaubten Heizkörpers, jeden Splitter in der Pressspanplatte auf dem billigen Schreibtisch. Das Bett gleicht in Farbe und Verarbeitung dem Tisch, alte Metallfedern stützen das hellste und sauberste Objekt im Zimmer: die Matratze. Die Nachttischlampe auf der klapprigen Kommode ist fast nie eingeschaltet, und wenn, dann wirft sie fahles, weiches Licht auf Kopfkissen und Tapete.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Und die Uhr. Hellbraune Plastikumfassung mit Schnitzholzoptik, weißes Ziffernblatt, goldene Zeiger mit schmutzigen Flecken, römische Zahlen. Hört nie auf zu ticken.

Draußen geht jemand durch den Flur. Selbst das ist zur Seltenheit geworden. Als sich das letzte Mal jemand ins Bett geworfen hat dort drüben, das muss Monate her sein. Und alle kommen sie herein, stellen ihren Koffer ab, atmen aus und setzen sich – auf die Bettkante. Ich diene offensichtlich nur der Zierde oder als Klamottenablage.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Elf Jahre. Seit Elf Jahren stehe ich hier auf meinen filigran gedrechselten Nussholzbeinen und frage mich, warum das so ist. Alle, ausnahmslos alle setzen sich auf die Bettkante, manche weinen, viele rauchen, wenige lächeln, alle atmen und gönnen sich einen Moment der Leere. Dabei stehe ich so nah. Bezug aus bestem Stoff mit grün schimmernden Einlagerungen und Messingknöpfen, weiche Federung, formvollendet geschwungene Armlehnen.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Aber nein, alle setzen sich aufs Bett. Ich existiere seit elf Jahren, elf Jahren!, und außer dem schwitzenden Möbelpacker hatte ich noch nie das Vergnügen, benutzt zu werden. Warum? So viele Gäste… alle kommen sie rein, ermattet und müde, streifen Schuhe und Jacken ab und setzen sich. Aufs Bett. Ausnahmslos. Alle. Was bleibt mir? Ich lausche der Uhr und frage mich, ob ich der einzige Sessel auf der Welt bin. Ob ich ein einmaliges, trauriges Produkt ohne Sinn bin, das erfunden wurde, um zwecklos zu sein. Mich scheint ja niemand zu brauchen.

Ich lausche. Tick.

Und will nicht mehr.

Tack.

Tick.

Tack. Tick.

Jemand betritt den Raum! Die Tür fällt matt ins Schloss, das Licht geht an. Tack. Eine große Gestalt wirft einen noch größeren Koffer aufs Bett. Tick. Die Gestalt, ein Mann, streift keuchend Schuhe und Jacke ab. Tack. Dreht sich um, dreht sich um, kommt her. Tick. Dreht sich um. Tack. Legt die Handflächen auf meine Armlehnen, geht in die Knie und… !

Ticktackticktackticktack.

„Aaaaaahhhhh.“

Endlich da. Norbert ließ sich mit einem lauten Seufzer in den Sessel fallen. Der knarzte und krachte und ächzte so laut, dass Norbert eine Sekunde lang glaubte, das Möbelstück würde unter ihm zusammenbrechen. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und dachte, dass er noch nie zuvor so gut gesessen hat wie heute.

Tick. Tack.

Später würde er die Wanduhr abnehmen, sie umdrehen, das Batteriefach öffnen und die Dinger rausnehmen, damit er heute Nacht gut schlafen konnte. Später.

Kategorien: Bilder