b l a t t w e r k

Beiträge vom September 2007

Conrad Kerbel

28. September 2007 · Kommentar schreiben

Obwohl oder vielleicht gerade weil ihm die Sonne so früh am Morgen schon voll ins Gesicht schien, war der junge Mann wütend. Er hatte verschlafen, Kaffee verschüttet und er wusste noch nicht, was ihm gleich vollends den Tag versauen würde. Dann sah er den Blitz.

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„Achtundachtzig, das sind achtunddreißig zuviel.“ Conrad Kerbel notierte Kennzeichen, Fahrzeugmodell und überschrittene Höchstgeschwindigkeit mit einem behaglich warmen Glühen im Bauch auf seinem Ringbuchblock mit Karopapier. Um seine Mundwinkel kämpfte ein schiefes Grinsen um sein Überleben, wurde aber dann vom eisigen Kalkül des jungen Herrn Kerbel niedergerungen.

Der rote Toyota mit dem blonden Proleten am Steuer war sein fünfter „Fang“, wie Conrad zu sagen pflegte, an diesem frischen Sommermorgen. Keine schlechte Bilanz – aber ausbaufähig. Ein keimender Sommer lockerte eben das Testosteron und verwandelte die ohnehin schon unerträgliche Menschenplage völlig in eine Horde Wilder. „Wilde mit Bleifuss“, bei diesem Gedanken röchelte sich ein krummes Lachen hervor aus dem tiefsten Graben, der noch einen letzten Funken Menschlichkeit enthielt, im vertrockneten Innern Conrads.

Später würde Conrad die gesammelten Geschwindigkeitsübertretungen – und, falls nötig, weitere beobachtete Ordnungswidrigkeiten – wie jeden Tag bei der lokalen Polizeidienststelle einreichen und darauf bestehen, Strafanzeige gegen jeden einzelnen im Protokoll vermerkten Verkehrssünder zu erstatten. Wie üblich, würden die Polizisten sein handbeschriebenes Papier zwar entgegennehmen, umgehende Bearbeitung versprechend, es im Hinterraum aber im Müll verschwinden lassen und sich lustig machen über diesen Pollunder tragenden Wunderling mit fettigem Haar. Aber das wusste Conrad nicht.

Und so saß er den ganzen Sonntag in seinem alten Audi an der Bundesstraße 414 und richtete seine Radarfalle, die er für viel Geld im Internet ersteigert und repariert hatte, auf den entgegenkommenden Verkehr. Mama wäre stolz, könnte sie ihn so sehen.

Kategorien: Bilder

Unterentwickeltes Passau

21. September 2007 · Kommentar schreiben

Absichtliche Journalisten-Punchline oder Versehen? Ich unterstelle angesichts der ohnehin abnehmenden Qualität von Spiegel Online – Verpanoramasierung und Galileo-Syndrom (sollte ich irgendwann gesondert erläutern) – einfach mal letzteres.

Passau

Immerhin: Danke für den Lacher!

Kategorien: schöne Medienlandschaft

Mann mit Gitarre und Hut aus Platin

18. September 2007 · Kommentar schreiben

Der Mann spielt sein Lied auf der Gitarre. Wie immer. Er spielt das einzige Lied, das er kann: Das Westerwald-Lied.

Heute wollen wir marschieren
Einen neuen Marsch probieren
In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt.

Dabei fällt ihm heute das Singen, das in Wahrheit ein halbherziges Murmeln ist, besonders schwer. Gestern Nacht, er hatte es sich gerade unter einer wärmenden Schicht Blattgold und Diamantstaub gemütlich gemacht, kam eine Gruppe Friedensnobelpreisträger grölend über die Straße gewankt und fand es erbauend, ihm die Seele aus dem Leib zu prügeln.

Oh du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief in’s Herz hinein.

In der Pause zwischen Refrain und zweiter Strophe, die er wie gewohnt mit einem selbst ausgedachten Solo füllt, fühlt er mit der Zunge seinen Zähnen nach, die jetzt irgendwo vom Mahlwerk der urbanen Bordsteinkultur zerbröselt werden. Wie lange es wohl braucht, bis der Zahnschmelz nachgibt? Egal – der Mann fühlt keine Trauer, die verlustig gegangenen Beißwerkzeuge gehörten zu seinem sechsten Satz und er hat noch unzählige Gebisse übrig, die er in seinen Samsonite-Koffern unter Brücken und in U-Bahnhöfen versteckt. In der ganzen Stadt verstreut.

Und die Gretel und der Hans
Geh’n des Sonntags gern zum Tanz
Weil das Tanzen Freude macht
Und das Herz im Leibe lacht.

Weit und breit ist niemand, der seine Musik hört. Aber das macht ihm nichts aus, er hat seine Plattenverträge buchstäblich in der Tasche und scheißt auf sein Publikum. Einmal hat er einer Zuhörerin ein Stofftaschentuch abgeschwatzt und es für die Toilette (und andere Dinge) benutzt. Und während er da so hockte und sich abputzte, kam ihm der amüsierende Gedanke, dass er auf sein Publikum scheiße. Heute lacht der Mann darüber, genau so laut und lange wie er damals gelacht hatte.

Ist das Tanzen dann vorbei
Gibt’s gewöhnlich Keilerei
Und dem Bursch’ den das nicht freut
Man sagt der hat kein Schneid.

Dort biegt ein Zuhörer um die Ecke. Er scheint angespannt zu sein, denn beim Gehen blickt er starr vor sich auf den Boden. Kurz hebt er die Augen, um den Mann mit Gitarre und Hut aus Platin anzusehen. Doch sofort, als würde er sich schämen, senkt er seinen Blick wieder gen Betonboden. Der Mann hat sein Lied beendet, also erhebt er sich aus seinem Thron aus antiken Silbermünzen und geht schnellen Schrittes zum Zuhörer, der ja jetzt eigentlich kein Zuhörer mehr ist, weil das Lied vorbei ist. Also nennen wir ihn Passanten. Der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin schreitet also zum Passanten, der verdutzt stehen bleibt. Er greift in die Tasche seines makellosen Strellson-Sakkos und findet ein zerknüllte Kugel aus Wertpapieren, Besitzurkunden und Geldscheinen sowie mehrere ungeschliffene Smaragde und Rubine. Wahllos greift er nach dem, was seine Finger finden, und zieht eine handvoll Reichtümer hervor, die er dem Passanten hinhält.

„Hier. Als Proviant für die lange Reise.“

Der Passant entgegnet: „Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe mit ihrer Geldscheiße, ich brauche diesen Mist nicht.“ Als der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin sein Geschenk nicht wieder einsteckt, schlägt der Passant es ihm aus der Hand. Ein Rubin klackert umständlich über das Gitter eines Gullideckels, bis er in der Kanalisation verschwindet. Sie sehen ihm dabei zu. Als beide wieder auf- und sich in die Augen schauen, schnaubt der Passant ein wütendes „Guten Tag“ und hastet weiter.

Der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin setzt sich wieder an seinen Platz und stimmt sein Lied an.

Heute wollen wir marschieren…

Silber

Kategorien: Bilder