der geist muss hart und freudlos sein

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Akademische Pissgedanken

28. November 2009 · 6 Kommentare

Ich erzähle Euch jetzt eine Geschichte, die so balkenbrechend gelogen ist, dass sie schon wieder wahr sein könnte.

Wenn ich an der Uni ein Referat halte, denke ich manchmal darüber nach, was wohl passieren würde, wenn ich mir jetzt – unintendiert – in die Hose pinkeln würde. Aus diesem Gedanken ergeben sich dann ganz verschiedene Handlungsszenarien, deren Beachtung oder Nichtbeachtung weitreichende Konsequenzen für das Grußverhalten der  Kommilitoninnen und Kommilitonen angesichts meiner daherlaufenden Person ergeben. Die Chance, beim Vorbeigehen für die Bildung tuschelnder Grüppchen verantwortlich zu sein, will möglichst gering gehalten werden. Von der ruinierten Hose ganz zu schweigen.

Also! Wenn’s warm im Schritt wird, muss gehandelt werden. Und zwar schnell. Folgende Alternativen entstehen dabei in meinem pfeilschnellen Gehirn. (Wohlgemerkt während ich das Referat halte und mir vorstelle… ist klar.)

1) Die erste Option ist gleichzeitig die verlockendste. Dem größer werdenden dunklen Fleck im Schritt gilt es mit souveräner Rötung des Gesichts zu begegnen. Man schaut an sich herunter, hebt den Blick wieder und nimmt Augenkontakt mit dem Plenum auf, wobei darauf zu achten ist, dass die eigenen Augenbrauen Verwunderung kommunizieren. Ohne ein Wort stürmt man nach draußen, wobei es nur stringent wäre, den ein oder anderen Stolperer einzustreuen. Dem Streber in der ersten Reihe kann man noch die Unterlagen vom Tisch fegen, er wird’s verzeihen.

Diese erste Alternative mag zwar den meisten Spaß bringen, dürfte aber soziale Sanktionen nach sich ziehen. Eine spektakuläre Performance , die in ewigem Außenseitertum resultiert? Hier gilt es abzuwägen.

2) Die Fassung bewahren. Etwas sagen. Zum Beispiel „Oh, pardon, ich muss mal kurz vor die Tür.“ Gemessenen und genässten Schrittes den Raum verlassen. Die Toilette aufsuchen und die Hose unter dem Waschbecken komplett befeuchten, sodass die Hose wieder einfarbig ist. Man wird denken, man habe sich eine neue, dunklere Hose angezogen. In den Seminarraum zurückkehren und das Referat fortsetzen. Bedenken, dass die Hose noch im Waschbecken liegt, umkehren, Hose anziehen, Referat fortsetzen.

Zwar erntet man auch mit dieser Option den Lohn des Stigmas, allerdings signalisiert man mit der gefassten Reaktion auf die Inkontinenz eine gewisse Routine. Die Studierendenschaft wird ein chronisches Blasenleiden vermuten. Unser Verhalten zeigt jedoch, dass wir mit dieser Situation umzugehen wissen.

3) Das dritte Handlungsszenario stellt höchste Ansprüche an Selbstherrschung und inszenatorische Kompetenz. Denn es gilt, den peinlichen Fleck einfach zu überspielen. Ein guter Einstieg dazu ist sich umzudrehen, sobald man bemerkt, dass sich die warme Flüssigkeit ergießt. Zwar sollte man seinem Auditorium nicht den Rücken kehren, doch müssen Sie Ihre präsentatorischen Fähigkeit schulen, um auch diese ungünstige Kommunikationssituation zu meistern. Wildes Gestikulieren wird Ihre Zuhörer vom plötzlichen Umdrehen ablenken. Erhöhen Sie Ihre Sprechlautstärke. Wichtige Thesen dürfen auch gerufen werden. Im Anschluss ans Referat gibt es keine Diskussion, da Ihr Vortrag so gut war, dass keine Fragen offen bleiben. Sie verbeugen sich und verlassen den Raum – dabei aber nicht umdrehen!

Wenn diese Alternative konsequenz durchgezogen wird, sind keinerlei Repressalien zu befürchten. Allerdings sollten sich wirklich nur geübte Redner auf Variante 3 verlassen.

Diese Szenarien entstehen also in meinem Kopf, während ich eine Referat halte und mir vorstelle, spontan in die Hose zu machen.

Dann mache ich mir spontan in die Hose. Sofort drehe ich mich um, fange dabei an zu heulen, rudere wild mit den Armen und postuliere laut schreiend, dass die Ego-Shooter-Ästhetik im Film Elephant äußerst facettenreich umgesetzt sei. Das Thema ist aber Niklas Luhmanns Systemtheorie. Das fällt mir dann auch auf, worauf ich den Raum verlassen möchte. Ich bleibe mit der Hüfte am Tisch hängen und stürze einem Medieninformatiker ins Netbook. In dessem Netzkabel verfange ich mich, trete in eine Umhängetasche und erreiche schließlich die Tür. Diese öffnet sich nur nach innen und wird von sitzenden Studenten versperrt. Umständlich machen sie mir Platz, während ich Nasenbluten bekomme. Als die Tür endlich offen ist, entschwinde ich und kehre nie mehr zurück.

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Schrumpfkopftraum

5. November 2008 · 3 Kommentare

Ich bin noch jung. Es ist genau das Alter, in dem sich ein Sohn seiner bedingungslosen Liebe zu seiner Mutter zum ersten Mal bewusst wird. Sieben, acht. Vielleicht neun.

Ich bin krank. Ich trage die Uniformierung der kranken Kinder: Bademantel. Meine Krankheit ist selten und verläuft zwangsläufig tödlich. Ich leide an einem Gendeffekt, der meinen Kopf schrumpfen lässt. Im Endstadium dieser seltenen Krankheit wird mein Schädel aussehen wie einer dieser kleinen Schrumpfköpfe mit zugenähtem Mund. Und dann sterbe ich, weil mein Gehirn zerquetscht wird.

Wenn es schon keine Heilung gibt, so doch wenigstens Linderung. In einem Hochsitz im Wald schabt mir eine junge Katze mit ihren Krallen das Gehirn stückchenweise aus der geöffneten Schädeldecke. Aber das ist so unangenehm, dass ich auf die Therapie verzichte.

Dann legt man mich in eine Mischung aus Webstuhl und Computertomograph. Die Maschine spannt ein Netz aus Schnüren unglaublich fest um meinen Kopf, damit das Gehirn nicht herausfällt. Das ist schon besser, auch wenn es sich jetzt schon fast wie ein richtiger Schrumfkopf anfühlt.

Jetzt bin ich bei Mama. Es wird nicht mehr lange dauern, ich sterbe bald. Mit einer dicken Mütze auf dem Kopf und im kuscheligen Bademantel genieße ich die verzweifelte Liebe einer Mutter zu ihrem todkranken Sohn. Sie gibt mir Medikamente, die mich schon bald schlafen lassen werden. Gleich ist es zu Ende.

Ich stehe am Fenster, sehe hinaus in den Garten. Der Walnussbaum bedeckt den Garten mit seinen giftigen Blättern, es regnet und stürmt. Drinnen ist es warm. Mir wird schwindelig.

Das ist das Zeichen: Jetzt ist es so weit. Ich sage es ihr. Sie weint und bringt mich in das Zimmer meiner Schwester, dort lege ich mich auf das Sofa. Ich bin traurig, aber ich fühle mich wohl. Wir schalten noch ein bisschen den Fernseher an.

webstuhl

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Ohne Titel

11. Februar 2008 · 3 Kommentare

Ampel: Rot.

Hinter mir: Ein dicker, schwarzer Mann in einem dicken, schwarzen Mercedes.

Er raucht eine dicke, schwarze Zigarre.

„Wenigstens konsequent“, sage ich, und fahre weiter.

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Ein Gedicht (Gastbeitrag)

13. Oktober 2007 · 1 Kommentar

Meine Mutter

isst gern Butter

und Sour Cream, Schinkenwürstchen, Fischsalat, Kartoffelsalat, Ofenkartoffeln und das in großen Mengen.

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Conrad Kerbel

28. September 2007 · Kommentar schreiben

Obwohl oder vielleicht gerade weil ihm die Sonne so früh am Morgen schon voll ins Gesicht schien, war der junge Mann wütend. Er hatte verschlafen, Kaffee verschüttet und er wusste noch nicht, was ihm gleich vollends den Tag versauen würde. Dann sah er den Blitz.

~

„Achtundachtzig, das sind achtunddreißig zuviel.“ Conrad Kerbel notierte Kennzeichen, Fahrzeugmodell und überschrittene Höchstgeschwindigkeit mit einem behaglich warmen Glühen im Bauch auf seinem Ringbuchblock mit Karopapier. Um seine Mundwinkel kämpfte ein schiefes Grinsen um sein Überleben, wurde aber dann vom eisigen Kalkül des jungen Herrn Kerbel niedergerungen.

Der rote Toyota mit dem blonden Proleten am Steuer war sein fünfter „Fang“, wie Conrad zu sagen pflegte, an diesem frischen Sommermorgen. Keine schlechte Bilanz – aber ausbaufähig. Ein keimender Sommer lockerte eben das Testosteron und verwandelte die ohnehin schon unerträgliche Menschenplage völlig in eine Horde Wilder. „Wilde mit Bleifuss“, bei diesem Gedanken röchelte sich ein krummes Lachen hervor aus dem tiefsten Graben, der noch einen letzten Funken Menschlichkeit enthielt, im vertrockneten Innern Conrads.

Später würde Conrad die gesammelten Geschwindigkeitsübertretungen – und, falls nötig, weitere beobachtete Ordnungswidrigkeiten – wie jeden Tag bei der lokalen Polizeidienststelle einreichen und darauf bestehen, Strafanzeige gegen jeden einzelnen im Protokoll vermerkten Verkehrssünder zu erstatten. Wie üblich, würden die Polizisten sein handbeschriebenes Papier zwar entgegennehmen, umgehende Bearbeitung versprechend, es im Hinterraum aber im Müll verschwinden lassen und sich lustig machen über diesen Pollunder tragenden Wunderling mit fettigem Haar. Aber das wusste Conrad nicht.

Und so saß er den ganzen Sonntag in seinem alten Audi an der Bundesstraße 414 und richtete seine Radarfalle, die er für viel Geld im Internet ersteigert und repariert hatte, auf den entgegenkommenden Verkehr. Mama wäre stolz, könnte sie ihn so sehen.

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Mann mit Gitarre und Hut aus Platin

18. September 2007 · Kommentar schreiben

Der Mann spielt sein Lied auf der Gitarre. Wie immer. Er spielt das einzige Lied, das er kann: Das Westerwald-Lied.

Heute wollen wir marschieren
Einen neuen Marsch probieren
In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt.

Dabei fällt ihm heute das Singen, das in Wahrheit ein halbherziges Murmeln ist, besonders schwer. Gestern Nacht, er hatte es sich gerade unter einer wärmenden Schicht Blattgold und Diamantstaub gemütlich gemacht, kam eine Gruppe Friedensnobelpreisträger grölend über die Straße gewankt und fand es erbauend, ihm die Seele aus dem Leib zu prügeln.

Oh du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief in’s Herz hinein.

In der Pause zwischen Refrain und zweiter Strophe, die er wie gewohnt mit einem selbst ausgedachten Solo füllt, fühlt er mit der Zunge seinen Zähnen nach, die jetzt irgendwo vom Mahlwerk der urbanen Bordsteinkultur zerbröselt werden. Wie lange es wohl braucht, bis der Zahnschmelz nachgibt? Egal – der Mann fühlt keine Trauer, die verlustig gegangenen Beißwerkzeuge gehörten zu seinem sechsten Satz und er hat noch unzählige Gebisse übrig, die er in seinen Samsonite-Koffern unter Brücken und in U-Bahnhöfen versteckt. In der ganzen Stadt verstreut.

Und die Gretel und der Hans
Geh’n des Sonntags gern zum Tanz
Weil das Tanzen Freude macht
Und das Herz im Leibe lacht.

Weit und breit ist niemand, der seine Musik hört. Aber das macht ihm nichts aus, er hat seine Plattenverträge buchstäblich in der Tasche und scheißt auf sein Publikum. Einmal hat er einer Zuhörerin ein Stofftaschentuch abgeschwatzt und es für die Toilette (und andere Dinge) benutzt. Und während er da so hockte und sich abputzte, kam ihm der amüsierende Gedanke, dass er auf sein Publikum scheiße. Heute lacht der Mann darüber, genau so laut und lange wie er damals gelacht hatte.

Ist das Tanzen dann vorbei
Gibt’s gewöhnlich Keilerei
Und dem Bursch’ den das nicht freut
Man sagt der hat kein Schneid.

Dort biegt ein Zuhörer um die Ecke. Er scheint angespannt zu sein, denn beim Gehen blickt er starr vor sich auf den Boden. Kurz hebt er die Augen, um den Mann mit Gitarre und Hut aus Platin anzusehen. Doch sofort, als würde er sich schämen, senkt er seinen Blick wieder gen Betonboden. Der Mann hat sein Lied beendet, also erhebt er sich aus seinem Thron aus antiken Silbermünzen und geht schnellen Schrittes zum Zuhörer, der ja jetzt eigentlich kein Zuhörer mehr ist, weil das Lied vorbei ist. Also nennen wir ihn Passanten. Der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin schreitet also zum Passanten, der verdutzt stehen bleibt. Er greift in die Tasche seines makellosen Strellson-Sakkos und findet ein zerknüllte Kugel aus Wertpapieren, Besitzurkunden und Geldscheinen sowie mehrere ungeschliffene Smaragde und Rubine. Wahllos greift er nach dem, was seine Finger finden, und zieht eine handvoll Reichtümer hervor, die er dem Passanten hinhält.

„Hier. Als Proviant für die lange Reise.“

Der Passant entgegnet: „Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe mit ihrer Geldscheiße, ich brauche diesen Mist nicht.“ Als der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin sein Geschenk nicht wieder einsteckt, schlägt der Passant es ihm aus der Hand. Ein Rubin klackert umständlich über das Gitter eines Gullideckels, bis er in der Kanalisation verschwindet. Sie sehen ihm dabei zu. Als beide wieder auf- und sich in die Augen schauen, schnaubt der Passant ein wütendes „Guten Tag“ und hastet weiter.

Der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin setzt sich wieder an seinen Platz und stimmt sein Lied an.

Heute wollen wir marschieren…

Silber

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Mediale Dekonstruktion

30. Juni 2007 · 3 Kommentare

Dank gebührt Air.

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Voodoo People

25. Juni 2007 · Kommentar schreiben

Sir Thomas Jones verlor allmählich den Bezug zur Realität. Wie auch immer er sich bemühte, das grünfeuchte Blätterdach dieser zentralafrikanischen Sumpfhölle schien immer dichter zu werden. Seine Erziehung mahnte den kultivierten Briten zum würdevollen Rückzug aus dieser unangenehmen Situation, doch die unbekannten Substanzen in seinem Körper hatten auch diesen letzten Widerstand bald mit wilden und unerhörten Gedanken überlagert.

Jones versuchte, sich zu erinnern. Nicht ganz ohne Erfolg – ein winziger Rest seiner Persönlichkeit hielt den Stimmen und Farben gerade lange genug stand, damit er sich selbst noch einmal die Fragen, die ihm Halt gaben in dieser untergehenden Gegenwart, beantworten konnte:

Erstens: Wer bin ich?

Zweitens: Wo bin ich?

Zunächst, und das erschien ihm recht evident, erkannte er sich selbst als Sir Thomas Jones, Anthropologe im Dienste seiner Majestät, Wissenschaftler für die Royal Society im gesunden Alter von 41 britischen Jahren. Die Damen schätzten sein grau meliertes Haar und den mächtigen Backenbart und Jones schätzte an sich selbst seine außerordentliche Selbstbeherrschung, die einen ausgeprägten Glauben an Vernunft und Wissenschaft ermöglichte. Und er hasste Bananen.

Des weiteren, und auch das wusste Jones mit ziemlicher Sicherheit, befand er sich aktuell, und es fügte ihm seelische Schmerzen zu, dieses Wort auch nur zu denken, denn es war unpräzise und beliebig, ließ sich angesichts dieser Situation aber leider nicht vermeiden, denn sie hatten sich verirrt – nun, er befand sich irgendwo in Kamerun, wahrscheinlich nordöstlich von Youndé, auf jeden Fall war die nächste Tasse Tee mindestens sechs Tagesmärsche entfernt. Allerdings wusste Jones nicht, und das war seine größte Sorge, in welcher Richtung. Unter der Krempe des Tropenhuts blickten seine tiefblauen Augen angestrengt auf die simple Tonschale, die er in der Hand hielt. Wie lang war es jetzt her, seit sie während eines Streits über den einzuschlagenden Pfad von den Eingeborenen überrascht worden waren? Zwei Stunden? Zwei Tage? Jones hatte massive Probleme mit seinem sonst so brillanten Gedächtnis.

Soviel wusste er noch: Nachdem man sich schweigend und mit großen Augen gegenseitig lange genug beobachtet hatte, ging die erste Kontaktaufnahme von den Einheimischen aus. Einer der drahtigen nackten Männer, offensichtlich der einzige unter Bewaffnung, er hielt ein langes Speer in der Hand, war auf die Forschergruppe zugeschritten und machte, zumindest war das ihre Interpretation, ein freundliches Gesicht. Jones hatte den Griff um den Revolver in seiner Westentasche daraufhin entspannt und unter seltsamen Lauten und Gestikulierungen führten die Männer die britische Gruppe in ihr Dorf. Es war heiß dort, wie überall in Kamerun, zusätzlich zur extremen Luftfeuchtigkeit strapazierten die täglichen Regenfälle und der anschließende Moskito-Angriff jeden zivilisierten Menschen bis an die Belastungsgrenze.

Nach einem kurzen Marsch hatten sie die Heimat der Eingeborenen erreicht – für die Forschergruppe erschien sie als platt getrampelter brauner Fleck in der sonst ausnahmslos grünen Umgebung. Hier und da boten improvisierte Dächer aus Zweigen Schutz vor der Witterung, auf einem Feuer dampfte Nahrung, irgendwo heulten Kinder und Tiere, es roch nach Asche und Fleisch. Die Ankunft der weißen Forscher sorgte, und das überraschte Jones überhaupt nicht, für Aufsehen. Binnen Sekunden versammelte sich der ganze Clan und nahm die Fremdlinge in Augenschein. Diese Situation war dem Anthropologen nicht fremd, er kannte Beschreibungen derartiger Begegnungen aus den Lehrbüchern und verhielt sich formal korrekt: Nicken, lächeln, sich verbeugen, ausholende Bewegungen und starke Lautäußerungen vermeiden.

Doch dann war etwas geschehen, dessen Auswirkungen Jones nicht einzuordnen vermochte. Einer der Buschmänner hatte ihm, der ihnen offensichtlich als Anführer der Gruppe erschien, was er ja auch war, mit einem breiten Lächeln eine Schale mit einer braunen, schleimigen Flüssigkeit unter die Nase gehalten. Gemäß seiner Ausbildung nahm er das Geschenk an, auch wenn ihm nicht wohl dabei war.

Und jetzt stand er am Feuer. Und trank.

Und es dauerte nicht lange, da erodierte seine Realitätskonstruktion. Jones Welt aus rechten Winkeln, dem Prinzip von Ursache und Wirkung, der Empirie und der Vernunft wich einer furchtbaren Ungewissheit. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er nicht absehen, was geschehen würde, der totale Mangel an Überraschung in seinem Leben verschwand gleichzeitig mit jeglicher Reflexion, jeglichem Bewusstsein über das Hier und Jetzt.

Was auch immer dieses Buschvolk mit ihnen vorhatte, ob es sie nun auf dem Feuer briete oder als Götter verehrte, Jones fürchtete sich davor. Denn er stand nicht mehr über den Dingen, sondern daneben.

Und das fühlte sich großartig an.

„Freiheit“, dachte er, bevor er das Bewusstsein verlor.

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Kern

4. Juni 2007 · Kommentar schreiben

Kern sah durch das Kristallsichtfenster in die satte Schwärze des Vakuums und wusste, dass er die nächste Minute nicht überleben würde. Im Gefecht hatten die Schockkanonen des Angreifers das Klimasystem seiner Kapsel beschädigt und so war es nur noch eine Frage von Sekunden, ehe Kerns fragiler Hydrokörper im All verdampfen würde.

Ihm blieb keine Zeit mehr.

Und so dachte Kern voller Liebe und Sehnsucht an seine wunderschöne Heimatwelt, als die Schiffshülle zerbrach und er sich zuerst in einen glitzernden Nebel verwandelte, der dann allmählich verblasste und seine Moleküle ins Universum entließ.

Kern hatte sich noch nie zuvor so frei gefühlt.

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So ist es

4. Juni 2007 · Kommentar schreiben

Berstende Zehennägel sind das Maß unserer Zeit. Junge Triebe, früh ermattet, hören ihr eigenes Echo als fahlen Nachgeschmack einer untergehenden Zivilisation. Als kuriosen Fesseltrick, als Überlandleitungen, die Karamell statt Elektrizität transportieren und deren Statik bar jeden Beispiels schimmert, blass und verloren.

De.

Platziert.

Ein kantiger Vogel aus flüssigem Holz setzt sich und scheißt den Samen einer neuen Generation auf tote Erde.

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