Sozialhydrologie

Jens stößt sich von der schmutzigen Umfassung des Festzelts ab und schwimmt zu den anderen. Sein Kopf durchdringt nie die Oberfläche, trotzdem erstickt er nicht. Wenn er sein Haupt nach oben wendet, sieht er weißen Plastikhimmel und blasse Kronleuchter, die niemand anschalten will. Stattdessen schießt die Bühne farbige Photonen durch den Raum. Denn in buntem Licht schwimmt es sich einfach besser.

Bereits nach ein, zwei Zügen muss er anderen Schwimmern ausweichen, sich durch sie hindurchzwängen, den Blick entweder starr geradeaus oder auf die Hinterteile beliebiger Mädchen gerichtet. Jens genießt das. Kostete ihn das Schwimmen anfangs noch Mühe, geht jetzt, nach drei Bieren, alles wie von selbst – er lässt sich treiben und kommt ohne nennenswerte geistige oder körperliche Anstrengung an sein Ziel. Zu den anderen, zum Rest.

Ihre Körper bilden einen kleinen Kreis, Jens verschafft sich durch Lautäußerungen einen Platz in der Kette. Er lacht und plötzlich hat er ein Bier in der Hand. Hier vorne gibt es keinen Rand, an dem man sich festhalten kann, hier vorne wird frei geschwommen. Die Gruppe stürzt Getränke hinunter, redet, schaut, trinkt, tanzt, ruft, winkt, konsumiert, begrüßt und verabschiedet und trinkt.

Jens fühlt sich pudelwohl, weil er nichts fühlt. Würde er jetzt anfangen nachzudenken, käme er vielleicht nie zu dem Schluss, dass er sein Wohlgefühl seiner Eigenschaft als Einzelheit, als Fragment verdankt. Als Teil. Und wo ein Teil ist, da ist auch die Summe vieler Teile: die Masse. Und in genau dieser badet Jens gerade. Aber sie besteht nicht nur aus Menschen. Sie beinhaltet viel mehr. Der Masse wohnt etwa der Zauber inne, dass alle Individuen in diesem Festzelt letztlich das gleiche tun. Jedes Teil verhält sich synchron zueinander. Jedes Fragment ist mit jedem anderen Fragment im Raum in Beziehung gesetzt, allein durch die geballte körperliche Anwesenheit aller – nein, allein, weil alle aus demselben Grund hier sind. Es gibt etwas zu feiern.

Was genau es zu feiern gibt, ist wiederum egal. Denn der Reiz der Party ist nicht das Bier, ist nicht die Musik, sind eigentlich auch nicht die Leute. Und schon gar nicht der Anlass.

Der Reiz der Party ist das Schwimmen. Das Planschen in einem Zustand, in dem man so wenig Individuum ist wie jeder andere. In dem man einander gleich ist. In dem man sich vor sich selbst nicht rechtfertigen braucht, weil es das Selbst nicht mehr gibt. Der Reiz ist das Driften in totaler Verantwortungslosigkeit.

Jens weiß das, als er sich zum dritten Mal in den Wald erbricht. Er denkt nur nicht darüber nach.

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Eine Antwort zu “Sozialhydrologie

  1. Eine gewisse Verantwortung existiert dennoch, nämlich die für die eigene Gesundheit. Es könnte nämlich schnell passieren, dass jemand seine Faust in ungünstigem Winkel auf das eigene Gesicht platziert, wenn man nicht aufpasst. :)

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