Innenansichten eines Einrichtungsgegenstands

Tick. Tack. Tick. Tack.

Sei doch endlich still.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Elf Jahre jetzt… Tick. Und noch nie war Ruhe. Tack. Sind das Batterien für die Ewigkeit? Tick. Tack.

Elf Jahre. Elf Jahre und keiner will sich setzen. So langsam gehen mir die Beschäftigungen aus. Die graubraunen Blüten auf der bleichen Blumentapete sind gezählt. Genau zweitausendsechshundertsiebenundvierzig. Ein paar davon sind nur halb drauf, die habe ich dann weggelassen. Ich kenne jede Falte der vergilbten Spitzengardine, jeden Winkel des beige-verstaubten Heizkörpers, jeden Splitter in der Pressspanplatte auf dem billigen Schreibtisch. Das Bett gleicht in Farbe und Verarbeitung dem Tisch, alte Metallfedern stützen das hellste und sauberste Objekt im Zimmer: die Matratze. Die Nachttischlampe auf der klapprigen Kommode ist fast nie eingeschaltet, und wenn, dann wirft sie fahles, weiches Licht auf Kopfkissen und Tapete.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Und die Uhr. Hellbraune Plastikumfassung mit Schnitzholzoptik, weißes Ziffernblatt, goldene Zeiger mit schmutzigen Flecken, römische Zahlen. Hört nie auf zu ticken.

Draußen geht jemand durch den Flur. Selbst das ist zur Seltenheit geworden. Als sich das letzte Mal jemand ins Bett geworfen hat dort drüben, das muss Monate her sein. Und alle kommen sie herein, stellen ihren Koffer ab, atmen aus und setzen sich – auf die Bettkante. Ich diene offensichtlich nur der Zierde oder als Klamottenablage.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Elf Jahre. Seit Elf Jahren stehe ich hier auf meinen filigran gedrechselten Nussholzbeinen und frage mich, warum das so ist. Alle, ausnahmslos alle setzen sich auf die Bettkante, manche weinen, viele rauchen, wenige lächeln, alle atmen und gönnen sich einen Moment der Leere. Dabei stehe ich so nah. Bezug aus bestem Stoff mit grün schimmernden Einlagerungen und Messingknöpfen, weiche Federung, formvollendet geschwungene Armlehnen.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Aber nein, alle setzen sich aufs Bett. Ich existiere seit elf Jahren, elf Jahren!, und außer dem schwitzenden Möbelpacker hatte ich noch nie das Vergnügen, benutzt zu werden. Warum? So viele Gäste… alle kommen sie rein, ermattet und müde, streifen Schuhe und Jacken ab und setzen sich. Aufs Bett. Ausnahmslos. Alle. Was bleibt mir? Ich lausche der Uhr und frage mich, ob ich der einzige Sessel auf der Welt bin. Ob ich ein einmaliges, trauriges Produkt ohne Sinn bin, das erfunden wurde, um zwecklos zu sein. Mich scheint ja niemand zu brauchen.

Ich lausche. Tick.

Und will nicht mehr.

Tack.

Tick.

Tack. Tick.

Jemand betritt den Raum! Die Tür fällt matt ins Schloss, das Licht geht an. Tack. Eine große Gestalt wirft einen noch größeren Koffer aufs Bett. Tick. Die Gestalt, ein Mann, streift keuchend Schuhe und Jacke ab. Tack. Dreht sich um, dreht sich um, kommt her. Tick. Dreht sich um. Tack. Legt die Handflächen auf meine Armlehnen, geht in die Knie und… !

Ticktackticktackticktack.

„Aaaaaahhhhh.“

Endlich da. Norbert ließ sich mit einem lauten Seufzer in den Sessel fallen. Der knarzte und krachte und ächzte so laut, dass Norbert eine Sekunde lang glaubte, das Möbelstück würde unter ihm zusammenbrechen. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und dachte, dass er noch nie zuvor so gut gesessen hat wie heute.

Tick. Tack.

Später würde er die Wanduhr abnehmen, sie umdrehen, das Batteriefach öffnen und die Dinger rausnehmen, damit er heute Nacht gut schlafen konnte. Später.

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4 Antworten zu “Innenansichten eines Einrichtungsgegenstands

  1. Gefällt mir, die Geschichte!

  2. Gut beobachtet! Allerdings hätte ich mir einen offenen Ausgang gewünscht.

  3. Nette Geschichte! Danke!

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