Die Chippendales ziehen in den Krieg

Was bleibt von einem Film, der kurz nach Erscheinen Debatten über Faschismus auslöst und die Iraner zum Knatschen bringt? Schlechterdings ein vom Kontext aufgeblähtes Konstrukt, das sich selbst nicht mehr erkennt. Ziehen wir uns also Scheuklappen an und richten unseren Blick auf das, worum es eigentlich geht: 300.

Kurz: Alte Schlachtgemälde haben laufen gelernt. Das ist der markanteste Eindruck nach 117 Minuten abstrahierter Bildgewalt. Frank Miller (und somit auch Zack Snyder) greift auf die älteste Semantik der Menschheit zurück – Gut gegen Böse. Und er tut das in einer seltenen Klarheit und Einfachheit. Die superathletischen Spartiaten verteidigen Kind und Kegel gegen Gottkönig Xerxes, eigentlich aber Bruce Darnell 2.0. Da braucht selbiger nicht einmal „mehr Drama“ einzufordern, dafür sorgen schon Leonidas und sein Rudel Testosteronmonster: leichentürmend, apfelessend und kehlenschlitzend als todbringende Chippendales-Division mit homosexuellem Touch.

Dreihundert Männer, ein jeder mit Sixpack aus der Muckibude, das ergibt 1.800 eingeölte Bauchmuskeln, wahrscheinlich härter als jede moderne Kevlarweste. Ein Wunder eigentlich, dass die mannigfache Perserschaft angesichts solcher Männlichkeit nicht die Flucht ergreift. Im Gegenteil: Das Weltreich verpulvert Fußvolk durchsetzt von Zwischen- und Endgegnern, darunter Elefanten, mutierte Samurai und Oger. Und immer brennen die Spartiaten das gleiche Feuerwerk ab: Phalanx, Speerstöße, Blutrausch, Blutbad, Blut. In der Verschnaufpause gibt es frisches Obst.

Herrlich.

Es ist ein Augenschmaus, wenn sich Leonidas in Zeitlupe durch Horden vermummter Perser metzelt, den Tod im Gesicht und mit einem Bein in der Hölle. Wer braucht da die (im Comic nicht einmal enthaltenen) Heimatszenen mit Königin, Intrigen und Frauenschmalz? Was man erwartet, ist eine Leinwand voller Klingen und Blut, stilisierte Kampfkunst erleichtert um Zeit und Raum und ein Minimum an Dialogen. Das bekommt man größtenteils.

Der Freundin sind die Nippel der nackten Mädchen zu groß, der Freund mag Xerxes‘ Synchronstimme nicht, ein Grieche trägt deutlich erkennbar eine Impfnarbe auf dem Oberarm – Kleinigkeiten. 300 hat im Trailer eindeutige Erwartungen geweckt. Und 300 hat diese Erwartungen erfüllt. Nicht mehr und nicht weniger. Zack Snyders Film darf als Diashow, als Actionspektakel und ganz bestimmt als geglückte Comicverfilmung gesehen werden.

Aber bitte nicht als Parabel auf Irakkrieg, Riefenstahl oder Herrenrassenthematik. Wer sich dennoch damit beschäftigen will und wem selbst ein Bogen zum 11. September oder Alamo 1836 nicht zuviel ist, wird hier exzellent bedient.

An apple a day keeps the Persian away.

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6 Antworten zu “Die Chippendales ziehen in den Krieg

  1. Top Review!

  2. Pah, hättest mich ja mal fragen können ob ich mitkommen will!
    Nee im ernst: Ich hab keine Ahnung, wer Bruce Darnell ist, aber die Idee mit den Fotos find ich echt gut, weil die ja quasi durch die Snap-Vorschau schon gezeigt werden bevor man draufklickt, was Nerven und Ladezeit spart!
    Der Effekt dieses Reviews ist übrigens, dass ich den Film unbedingt sehn muss. Das ist nicht zu verachten, habe ich mich doch aufgrund anderer Reviews (die lustigerweise auch positiv waren) erst dagegen entschieden. Aber dein Wort hat mehr gewicht, von daher…. naja, werde ich mir den dann halt alleine ansehen. Pah.

  3. Danke. Wenn du Bruce kennen würdest, wäre dieser Satz sogar unfassbar lustig für dich. Andererseits veredelt dich die Unkenntnis einer solchen Medienfigur.

    Kauf mir eine Karte und ich gucke 300 mit dir zusammen.

  4. Nachdem ich den Film nun gesehen habe muss ich sagen: Wirklich ein Meisterwerk, in dem mit Idealen geradezu um sich geschmissen wird! Von diesen Spartanern kann man einiges lernen. Im übrigen ist der Vergleich mit alten Kriegsbildern sehr treffend, wenn auch der gewünschte Effekt bei diesen Bildern und dem Film nicht der gleich ist.

  5. Welches ist denn der gewünschte Effekt von Kriegsgemälden?

  6. Ich denke Kriegsgemälde waren damals sowas wie die Bildzeitung des Mittelalters. Je nachdem, wer das Bild gemalt hat (und welchem Lager/Schicht/Volksfront er/sie angehört) zeigt es die favorisierte Gruppe als stark und siegreich oder die feindliche Gruppe als unfair und nieder. Also quasi Meinungsmache.

    Der Film dagegen vertritt meiner meinung nach eher die Absicht, das Ideal des heldenhaften Kriegers darzustellen, der sein ganzes Leben opfert, um die Ideale zu verteidigen, an die er glaubt. Also quasi moralische Belehrung.

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