Gut geölt

Da war es mal wieder so weit: In den USA lebender Mensch x erträgt Zustand y nicht mehr und bringt Menschenmenge M um (wobei x Element M). Wir sind gespannt, welches Phänomen diesmal als Begründung für den gestrigen Amoklauf in Blacksburg / Virginia verantwortlich gemacht wird.

Interessant war indes zu beobachten, wie flink die bundesdeutsche Medienlandschaft, insbesondere das TV, ansprang. Binnen weniger Stunden verfügen alle Sender über das gleiche verwackelte Handycam-Video, N24 konsultiert Experten und führt Telefoninterviews mit stotternden Augenzeugen. Später am Abend – besonders makaber – läuft eine „Doku“ über das Columbine-Massaker im alten Jahrtausend. Die Geschwindigkeit, in der das gesamte Programm auf das aktuell heißeste Thema umgestellt wird, ist erschreckend.

Ähnlich morbide Blüten treibt, bewusst oder unbewusst, die aktuelle Berichterstattung im Internet. Spiegel Online wartet neben Bildgewalt und Fotostrecke sogleich mit einer Zusammenfassung bisheriger Amokläufe auf, damit man den gestrigen auch persönlich irgendwo zwischen „spontaner Anfall“ und „geplantes Großattentat“ einordnen kann:

Screenshot von spiegel.de

Unwillkürlich komisch kommt der Newsticker der Rhein-Zeitung daher. Interessant, wie groß der Unterschied an Relevanz zweier meldungswürdiger Nachrichten sein kann. Ein Tier mit Zahnschmerzen im gleichen Atemzug, binnen zwei Minuten, mit dem Amoklauf.

Screenshot von rhein-zeitung.de

Bild geht bewährte Pfade. Wo sich die anderen noch mit allgemeinen Meldungen über Tathergang, Opfer und dem Drumherum begnügen, extrahiert Bild die erste Heldenstory mit Gesicht aus dem Vorfall. Binnen einer Nacht. Das bringt Quote!

Screenshot von bild.de

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3 Antworten zu “Gut geölt

  1. Haha! Heute morgen noch stand in der gedruckten Ausgabe der BILD etwas von 23 Toten, während das literarische Fachjournal Kölner Express bereits mit 33 Toten auftrumpfte.

    Kölner Express 1
    BILD 0

  2. Nicht schlecht – wo doch gestern Abend schon die tote Dreißigschaft in aller Munde war.

  3. In den Geschichstsbüchern lässt sich nachlesen, dass das Volk seit tausenden von Jahren massenweise und mit einer Mischung aus Abscheu und Vergnügen an öffentlichen Hinrichtungen teilgenommen hat. Daraus lässt sich ein urbedürftiges Interesse an der Begegnung mit dem (gewaltsam herbeigeführten) Tod ableiten. Und da kaum noch ein Herrscher zu solch marzialischen Shows einlädt, übernehmen die Medien diese Rolle – mit dem kleinen Unterschied, dass Sie sich nur noch für die Show, keinesfalls jedoch für den Akt als solchen verantwortlich fühlen. Der moderne Mensch ist im tiefsten Inneren immer noch ein Neandertaler, der (zumindest medial) allzugerne im Blut badet. Die Existenz dieses Bedürfnisses pusht ja schließlich die Auflagen.

    Noch was: wer mit seinem eigenen Tod berühmt werden will, sollte niemals einsam und normal sterben. Das ist keine Meldung wert. Nur noch spektakulär und/oder in der Masse wird der Tod gedruckt: Zug- oder Flugzeugunglück, Doppelmord (ergibt 2-Spalter), Amok-Opfer, Massenhysterie im Stadion – das entspricht dem Bedarf des geneigten Lesers oder Zuschauers. Das gewöhnlichen Einzel-Unfallopfer verursacht allenfalls noch eine Staumeldung.

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