Blau

Abgesehen von blauen Schlieren im Innern seiner Augenlider sah Andreas nicht besonders viel. Aber dieses seltsame Licht genügte ihm, denn es bewegte sich. Ein langsames Wabern, so wie das geschmolzene Zeug in einer Lavalampe, hier und da Spuren hinterlassend. Bizarre Formen entstanden, kobaltblaue Landschaften ohne Leben.

Schön. Andreas sah dem von seinem Gehirn konzipierten Schauspiel mit wachsender Begeisterung zu. Und je länger er zusah, desto tiefer rückten die Erinnerungen und Gefühle, die ihm der gestrige Abend bescherte, in einen angenehm verschwommenen Hintergrund. Er war schon immer gut im Verdrängen gewesen. Und gerade arbeitete er an seinem Meisterstück. Jetzt tat sich eine neues, wunderschönes Panorama in tiefem Blau vor ihm auf – und wenn er den Hügel dort hinten erreicht haben würde, wäre das Werk vollbracht: Der lästige Vorabend wäre vorerst unter einem schweren Teppich aus Illusionen vergraben.

Andreas war stolz auf sich. Was er beinahe schon vergessen hatte war allerdings, dass es dazu überhaupt keinen Grund gab. Gestern, es war ein Samstag, hat Andreas sämtliche Register gezogen, die ein vorbildlicher Sozialversager so ziehen kann. Nachmittags aus dem Bett gefallen, vor dem Frühstück schon die erste Tüte, Freundin angerufen und grundlos beschimpft, Dealer angerufen und grundlos Drogen bestellt, kein Geld gehabt, trotzdem ausgegangen. Sich irgendwie in den miesesten Club der Stadt gemogelt, Thekenpersonal beschissen, zuviel getrunken, Streit mit den falschen Freunden angefangen, kotzen gewesen.

Soweit nichts Neues. Die richtig hässlichen Szenen ereigneten sich, nachdem Andreas vom fetten Securitymann vor die Tür gesetzt wurde. Als er wieder rein wollte, fing er sich eine Kopfnuss. Alle anderen Clubs ließen ihn nicht mehr rein, weil die Platzwunde auf seiner Stirn nicht salonfähig war. Dabei wollte er sich doch nur weiter betäuben. Doch statt zu saufen, zog er blutend durch eine kalte Großstadt, verlor sein Handy und landete schließlich in einer U-Bahnstation, wo er einem Penner grundlos in die Nieren trat. Später belästigte er ein Mädchen, doch er war zu besoffen, um ihr ernsthaft gefährlich zu werden. An seine Freundin dachte er keine Sekunde. Er kotzte erneut und ab da war alles dunkel.

Gerade ergoss sich ein zähflüssiger Strom aus blauem Karamell in seinem Kopf.

Genug, fertig. Andreas öffnete die Augen, stand auf, baute einen Joint und fühlte sich großartig.

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