Akademische Pissgedanken

Wenn ich an der Uni ein Referat halte, denke ich manchmal darüber nach, was wohl passieren würde, wenn ich mir jetzt – unintendiert – in die Hose pinkeln würde. Aus diesem Gedanken ergeben sich dann ganz verschiedene Handlungsszenarien, deren Beachtung oder Nichtbeachtung weitreichende Konsequenzen für das Grußverhalten der  Kommilitoninnen und Kommilitonen angesichts meiner daherlaufenden Person ergeben. Die Chance, beim Vorbeigehen für die Bildung tuschelnder Grüppchen verantwortlich zu sein, will möglichst gering gehalten werden. Von der ruinierten Hose ganz zu schweigen.

Also! Wenn’s warm im Schritt wird, muss gehandelt werden. Und zwar schnell. Folgende Alternativen entstehen dabei in meinem pfeilschnellen Gehirn. (Wohlgemerkt während ich das Referat halte und mir vorstelle… Sie wissen schon.)

ERSTENS. Die erste Option ist gleichzeitig die verlockendste. Dem größer werdenden dunklen Fleck im Schritt gilt es mit souveräner Rötung des Gesichts zu begegnen. Man schaut an sich herunter, hebt den Blick wieder und nimmt Augenkontakt mit dem Plenum auf, wobei darauf zu achten ist, dass die eigenen Augenbrauen Verwunderung kommunizieren. Ohne ein Wort stürmt man nach draußen, wobei es nur stringent wäre, den ein oder anderen Stolperer einzustreuen. Dem Streber in der ersten Reihe kann man noch die Unterlagen vom Tisch fegen, er wird’s verzeihen.

Diese erste Alternative mag zwar den meisten Spaß bringen, dürfte aber soziale Sanktionen nach sich ziehen. Eine spektakuläre Performance , die in ewigem Außenseitertum resultiert? Hier gilt es abzuwägen.

ZWEITENS. Die Fassung bewahren. Etwas sagen. Zum Beispiel „Oh, pardon, ich muss mal kurz vor die Tür.“ Gemessenen und genässten Schrittes den Raum verlassen. Die Toilette aufsuchen und die Hose unter dem Waschbecken komplett befeuchten, sodass die Hose wieder einfarbig ist. Man wird denken, man habe sich eine neue, dunklere Hose angezogen. In den Seminarraum zurückkehren und das Referat fortsetzen. Bedenken, dass die Hose noch im Waschbecken liegt, umkehren, Hose anziehen, Referat fortsetzen.

Zwar erntet man auch mit dieser Option den Lohn des Stigmas, allerdings signalisiert man mit der gefassten Reaktion auf die Inkontinenz eine gewisse Routine. Die Studierendenschaft wird ein chronisches Blasenleiden vermuten. Unser Verhalten zeigt jedoch, dass wir mit dieser Situation umzugehen wissen.

DRITTENS. Das dritte Handlungsszenario stellt höchste Ansprüche an Selbstherrschung und inszenatorische Kompetenz. Denn es gilt, den peinlichen Fleck einfach zu überspielen. Ein guter Einstieg dazu ist sich umzudrehen, sobald man bemerkt, dass sich die warme Flüssigkeit ergießt. Zwar sollte man seinem Auditorium nicht den Rücken kehren, doch müssen Sie Ihre präsentatorischen Fähigkeit schulen, um auch diese ungünstige Kommunikationssituation zu meistern. Wildes Gestikulieren wird Ihre Zuhörer vom plötzlichen Umdrehen ablenken. Erhöhen Sie Ihre Sprechlautstärke. Wichtige Thesen dürfen auch gerufen werden. Im Anschluss ans Referat gibt es keine Diskussion, da Ihr Vortrag so gut war, dass keine Fragen offen bleiben. Sie verbeugen sich und verlassen den Raum – dabei aber nicht umdrehen!

Wenn diese Alternative konsequent durchgezogen wird, sind keinerlei Repressalien zu befürchten. Allerdings sollten sich wirklich nur geübte Redner auf Variante 3 verlassen.

Diese Szenarien entstehen also in meinem Kopf, während ich eine Referat halte und mir vorstelle, spontan in die Hose zu machen.

Dann mache ich mir spontan in die Hose. Sofort drehe ich mich um, fange dabei an zu heulen, rudere wild mit den Armen und postuliere laut schreiend, dass die Ego-Shooter-Ästhetik im Film Elephant äußerst facettenreich umgesetzt sei. Das Thema ist aber Niklas Luhmanns Systemtheorie. Das fällt mir dann auch auf, worauf ich den Raum verlassen möchte. Ich bleibe mit der Hüfte am Tisch hängen und stürze einem Medieninformatiker ins Netbook. In dessem Netzkabel verfange ich mich, trete in eine Umhängetasche und erreiche schließlich die Tür. Diese öffnet sich nur nach innen und wird von sitzenden Studenten versperrt. Umständlich machen sie mir Platz, während ich Nasenbluten bekomme. Als die Tür endlich offen ist, entschwinde ich und kehre nie mehr zurück.

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11 Antworten zu “Akademische Pissgedanken

  1. Was für herrlich lebenstaugliche – ins akademische Milieu transponierte – Lösungen des alten Helmut Berger-Problems. Ich halte sie für durchtrieben genug, Variante 3 nutzen zu können.

  2. ich finde die nur der stelle gut wo der über den einpinkclen schreibt. LOL

  3. Ich finde es äussert elegant, wie du das Nasenbluten an letzter Stelle noch eingebaut hast. Ich hatte es schon vermisst. ;)

  4. Irre Geschichte. Gut geschrieben.

  5. stimme luigi voll zu.

  6. Witzig. Danke.
    Derzeit überlege ich darüber hinaus, warum es immer nur Männer sind, die mit der Ambivalenz zwischen peinlichem Vorgang und akademischer Verarbeitung desselben, spielen. Aber das ist – wir wissen es alle – ein anderes Thema.

  7. Haha, danke für die lustige Geschichte. Bei der Vorstellung musste ich doch leicht schmunzeln! Und wie gern würde ich sowas mal erleben – als zuschauende Kommilitonin versteht sich :D

  8. ganz klar laufen lassen und bei den ersten erschrockenen gesichtern nur darauf hinweisen wie weit unten sich doch das epizentrum befindet!

    Voraussetzung n langer dödel..ganz klar!
    :)

  9. Speziell bei Referaten der Sorte „Furztrocken“ wünscht man sich sogar als Dozent, der Referent möge doch einen der drei Wege einschlagen, Hauptsache er pinkelt sich in die Hose.

  10. wirklich genialer text!

  11. Pingback: Das Blattwerkszenario « Gedankenjournal

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