Monatsarchiv: März 2010

Report eines bettlägerigen Mittzwanzigers

Vielleicht sieht man es mir ja an: Die strubbeligen Haare, das aufgequollene Wasserleichengesicht und dazu diese kleinen gelben Schmodderkristalle in den Augen, die außen kross und innen cremig sind. Schlechter Atem, schleppender Gang, gebeugte Haltung. Sie ahnen es schon: Ich verbringe viel Zeit im Bett. Sehr viel Zeit. Pro Tag etwa 15 bis 20 Stunden. Meistens schlafe ich, den Rest der Zeit verstecke ich mich auf dem Klo. Mutter macht wegen meines Bettkonsums schon semilustige Scherze. Neulich abends zum Beispiel, als ich gerade am frühstücken war, fragte sie, ob meine Augen denn schon zugewachsen seien. Hahaha, Mutter, wenn du nur halb so lustig wie grenzdebil wärst. Und überhaupt, was für ein Mumpitz, wo ich doch klar und deutlich mein Frühstück erkennen konnte: Ein Haufen schwammiger Kartoffelbrei – und irgendwas grünes. Hat auf jeden Fall scheiße geschmeckt, was sie da gekocht hat.

Egal. Wenn man so viel Zeit wie ich auf der Matratze liegt, fängt man früher oder später an, gut darin zu werden. Ich habe zum Beispiel jeglicher Hygiene abgeschworen, denn nur ein gut eingesifftes Bett garantiert so unerholsamen Schlaf, dass man nach dem Aufwachen sofort weiterpennen muss. Also: Körperpflege eher minimalistisch betrachten, Bettwäsche nur im Notfall von Mutter reinigen lassen.

Ich habe mir auch mal von einem befreundeten Gynäkologen eine Phiole Fruchtwasser besorgt. Normalerweise verkauft er das nur an Ultra-Hardcore-Pädophile, aber bei mir hat er eine Ausnahme gemacht. Das Fruchtwasser habe ich dann über’m Bett versprüht, um das Schlaferlebnis noch embryonaler zu gestalten. Boah, war das geil. Habe geschlafen wie ein von einer Tse-Tse-Fliege gestochenes Baby. 45 Stunden.

Und dann war da der Tag, an dem ich Mutter erzählte, dass ich eine offene Stelle gefunden habe. Sie freute sich sehr. Sie freute sich nicht mehr so sehr, als ich auf ihre Nachfrage hin präzisierte, dass es sich nicht, wie sie annahm, um eine offenstelle im Medienbusiness handelte… sondern im Bein. Diese Stelle halte ich bis heute offen, denn sie ist äußerst praktisch. Mein klobiges Smartphone prallt nun nicht mehr in der Hosentasche gegen meinen Oberschenkel, sondern fügt sich organisch in ebendiesen ein.

Zur Zeit denke ich darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, sich noch weitere offene Stellen zuzulegen. Am Arm zum Beispiel, da ist das Schreibwerkzeug nicht nur schnell zur, sondern auch in der, Hand. Eine offene Stelle am Kopf hingegen ist sehr schön anzuschauen, aber schwer hinzubekommen. Dennoch: Irgendwann habe ich mein drittes Nasenloch. Dann ziehe ich das Koks weg, wie es sonst nur der Taubenvergrämer schafft.

Nun könnte man meinen, dass ich wegen der vielen Zeit, die ich zwischen schwitzigen Laken verbringe, eine einsame Sau bin. Und das stimmt auch. Zumindest gibt es keinen Menschen, der mich mag. Und dennoch bin ich fest in einem sozialen Netz eingewoben, bin einer von vielen, bin Adressat von Liebe und Zuneigung. Eines Tages, als ich gerade selig schlummerte und von Buttercroissants träumte, wurde ich von einem angenehmen Juckreiz auf meiner Hand geweckt. Nachdem ich mir die Krümel aus den Augen gepult hatte, konnte ich erkennen, was Sache war. In schuppig-roten Lettern stand da „Hallo und Danke“ mit Ausrufezeichen auf meinem Handrücken. Der Punkt des Ausrufezeichens war aus einem klitzekleinen Häufchen Schorf gebaut. Zunächst dachte ich, dass ich mir den Scheiß vielleicht selbst in die Hand gekratzt hätte. Mein Gynäkologenfreund konnte mir dann aber sagen, dass die roten Buchstaben nicht gekratzt, sondern gefräst worden waren. Verwirrt legte ich mich wieder hin.

Mit der Zeit tauchten immer mehr rätselhafte Botschaften auf meinem Körper auf. Man ein joviales „ey jo Alter was geht?!“, dann wieder Ungereimtheiten wie „BLFKZM Fragezeichen Fragezeichen Minus Mengenklammer zu, Dollarzeichen @ Schrägstrich Günter Verheugen.“ Schließlich offenbarten sich die anonymen Autoren, als eines Morgens folgender Text auf meiner Stirn juckte – in Spiegelschrift übrigens:

„Hallo Arschkrampe. Wir sind die Bettmilben. Witwenstand ist specklos, oder so. Wir wollten auch nur kurz sagen, dass wir da sind. Ach und wo wir gerade dran sind: Findens knorke, dass du dich nicht wäschst. Danke!“

(Hier würde ich gerne ein kleine editorische Notiz einfügen: Und zwar hätte man an dieser Stelle wunderbar den Gag mit den Schuppen aus den Haaren bringen können, aber erstens ist der schlecht und zweitens käme das in meinem Fall zu kurz, weil mir die Schuppen eigentlich überall rausfallen. Aber weiter im Text…)

Da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich hatte Freunde! Sie fühlten sich wohl bei mir, die lieben kleinen Milben. So bauten sie auf meinem Rücken blutige Autobahnen, erfanden in meiner Kimme den Ackerbau und leider auch das Feuer in meinem offenen Bein. Wir hatten gute Zeiten, in denen sie mir winzige Statuetten aus Milbenkot schnitzten. Und wir hatten schlechte Zeiten, zum Beispiel, als Mutter mein Kopfkissen neu bezogen hat. Ganze Clans wurden vernichtet, die Überlebenden standen unter Schock und die unter Schock stehenden Milbenjournalisten schrieben in ihre Zeitungen, dass alle unter Schock stünden und der Typ im Bett ebenfalls unter Schock stünde, aber einen ergiebigen Mitesser auf der Nase habe.

Aber wie es bei jeder guten Freundschaft so ist, verstarb irgendwann der eine Partner. Meine kleinen Freunde hatten sich prächtig entwickelt. Schulen, Krankenhäuser, ein Bed Wide Web, Konstruktivismus, Tomatensaft. Nur an der eigenen U-Bahn scheiterten sie. Ein Milbenbaumeister hatte sich geirrt und statt harter Hautschuppen aus dem Ellbogen weiche Babyhaut von der Fußsohle verwendet. Zuerst brachen die Schächte zusammen, dann das bettweite Milbenkot-Archiv. Danach stürzte der ganze Laden ein und mit ihm mein Bett und mit ihm ich. Keiner überlebte. Alle tot. Ich war – und bin – wieder einsam. Aber ich bin zuversichtlich. Bald werde ich von Neuem eine große Evolution im Kleinen erleben, den Aufstieg einer Zivilisation, den Advent eines Wunders. Denn ich bin sicher, liebe Parasitenfreunde:

Das Leben findet einen Weg.