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Report eines bettlägerigen Mittzwanzigers

Vielleicht sieht man es mir ja an: Die strubbeligen Haare, das aufgequollene Wasserleichengesicht und dazu diese kleinen gelben Schmodderkristalle in den Augen, die außen kross und innen cremig sind. Schlechter Atem, schleppender Gang, gebeugte Haltung. Sie ahnen es schon: Ich verbringe viel Zeit im Bett. Sehr viel Zeit. Pro Tag etwa 15 bis 20 Stunden. Meistens schlafe ich, den Rest der Zeit verstecke ich mich auf dem Klo. Mutter macht wegen meines Bettkonsums schon semilustige Scherze. Neulich abends zum Beispiel, als ich gerade am frühstücken war, fragte sie, ob meine Augen denn schon zugewachsen seien. Hahaha, Mutter, wenn du nur halb so lustig wie grenzdebil wärst. Und überhaupt, was für ein Mumpitz, wo ich doch klar und deutlich mein Frühstück erkennen konnte: Ein Haufen schwammiger Kartoffelbrei – und irgendwas grünes. Hat auf jeden Fall scheiße geschmeckt, was sie da gekocht hat.

Egal. Wenn man so viel Zeit wie ich auf der Matratze liegt, fängt man früher oder später an, gut darin zu werden. Ich habe zum Beispiel jeglicher Hygiene abgeschworen, denn nur ein gut eingesifftes Bett garantiert so unerholsamen Schlaf, dass man nach dem Aufwachen sofort weiterpennen muss. Also: Körperpflege eher minimalistisch betrachten, Bettwäsche nur im Notfall von Mutter reinigen lassen.

Ich habe mir auch mal von einem befreundeten Gynäkologen eine Phiole Fruchtwasser besorgt. Normalerweise verkauft er das nur an Ultra-Hardcore-Pädophile, aber bei mir hat er eine Ausnahme gemacht. Das Fruchtwasser habe ich dann über’m Bett versprüht, um das Schlaferlebnis noch embryonaler zu gestalten. Boah, war das geil. Habe geschlafen wie ein von einer Tse-Tse-Fliege gestochenes Baby. 45 Stunden.

Und dann war da der Tag, an dem ich Mutter erzählte, dass ich eine offene Stelle gefunden habe. Sie freute sich sehr. Sie freute sich nicht mehr so sehr, als ich auf ihre Nachfrage hin präzisierte, dass es sich nicht, wie sie annahm, um eine offenstelle im Medienbusiness handelte… sondern im Bein. Diese Stelle halte ich bis heute offen, denn sie ist äußerst praktisch. Mein klobiges Smartphone prallt nun nicht mehr in der Hosentasche gegen meinen Oberschenkel, sondern fügt sich organisch in ebendiesen ein.

Zur Zeit denke ich darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, sich noch weitere offene Stellen zuzulegen. Am Arm zum Beispiel, da ist das Schreibwerkzeug nicht nur schnell zur, sondern auch in der, Hand. Eine offene Stelle am Kopf hingegen ist sehr schön anzuschauen, aber schwer hinzubekommen. Dennoch: Irgendwann habe ich mein drittes Nasenloch. Dann ziehe ich das Koks weg, wie es sonst nur der Taubenvergrämer schafft.

Nun könnte man meinen, dass ich wegen der vielen Zeit, die ich zwischen schwitzigen Laken verbringe, eine einsame Sau bin. Und das stimmt auch. Zumindest gibt es keinen Menschen, der mich mag. Und dennoch bin ich fest in einem sozialen Netz eingewoben, bin einer von vielen, bin Adressat von Liebe und Zuneigung. Eines Tages, als ich gerade selig schlummerte und von Buttercroissants träumte, wurde ich von einem angenehmen Juckreiz auf meiner Hand geweckt. Nachdem ich mir die Krümel aus den Augen gepult hatte, konnte ich erkennen, was Sache war. In schuppig-roten Lettern stand da „Hallo und Danke“ mit Ausrufezeichen auf meinem Handrücken. Der Punkt des Ausrufezeichens war aus einem klitzekleinen Häufchen Schorf gebaut. Zunächst dachte ich, dass ich mir den Scheiß vielleicht selbst in die Hand gekratzt hätte. Mein Gynäkologenfreund konnte mir dann aber sagen, dass die roten Buchstaben nicht gekratzt, sondern gefräst worden waren. Verwirrt legte ich mich wieder hin.

Mit der Zeit tauchten immer mehr rätselhafte Botschaften auf meinem Körper auf. Man ein joviales „ey jo Alter was geht?!“, dann wieder Ungereimtheiten wie „BLFKZM Fragezeichen Fragezeichen Minus Mengenklammer zu, Dollarzeichen @ Schrägstrich Günter Verheugen.“ Schließlich offenbarten sich die anonymen Autoren, als eines Morgens folgender Text auf meiner Stirn juckte – in Spiegelschrift übrigens:

„Hallo Arschkrampe. Wir sind die Bettmilben. Witwenstand ist specklos, oder so. Wir wollten auch nur kurz sagen, dass wir da sind. Ach und wo wir gerade dran sind: Findens knorke, dass du dich nicht wäschst. Danke!“

(Hier würde ich gerne ein kleine editorische Notiz einfügen: Und zwar hätte man an dieser Stelle wunderbar den Gag mit den Schuppen aus den Haaren bringen können, aber erstens ist der schlecht und zweitens käme das in meinem Fall zu kurz, weil mir die Schuppen eigentlich überall rausfallen. Aber weiter im Text…)

Da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich hatte Freunde! Sie fühlten sich wohl bei mir, die lieben kleinen Milben. So bauten sie auf meinem Rücken blutige Autobahnen, erfanden in meiner Kimme den Ackerbau und leider auch das Feuer in meinem offenen Bein. Wir hatten gute Zeiten, in denen sie mir winzige Statuetten aus Milbenkot schnitzten. Und wir hatten schlechte Zeiten, zum Beispiel, als Mutter mein Kopfkissen neu bezogen hat. Ganze Clans wurden vernichtet, die Überlebenden standen unter Schock und die unter Schock stehenden Milbenjournalisten schrieben in ihre Zeitungen, dass alle unter Schock stünden und der Typ im Bett ebenfalls unter Schock stünde, aber einen ergiebigen Mitesser auf der Nase habe.

Aber wie es bei jeder guten Freundschaft so ist, verstarb irgendwann der eine Partner. Meine kleinen Freunde hatten sich prächtig entwickelt. Schulen, Krankenhäuser, ein Bed Wide Web, Konstruktivismus, Tomatensaft. Nur an der eigenen U-Bahn scheiterten sie. Ein Milbenbaumeister hatte sich geirrt und statt harter Hautschuppen aus dem Ellbogen weiche Babyhaut von der Fußsohle verwendet. Zuerst brachen die Schächte zusammen, dann das bettweite Milbenkot-Archiv. Danach stürzte der ganze Laden ein und mit ihm mein Bett und mit ihm ich. Keiner überlebte. Alle tot. Ich war – und bin – wieder einsam. Aber ich bin zuversichtlich. Bald werde ich von Neuem eine große Evolution im Kleinen erleben, den Aufstieg einer Zivilisation, den Advent eines Wunders. Denn ich bin sicher, liebe Parasitenfreunde:

Das Leben findet einen Weg.

Akademische Pissgedanken

Wenn ich an der Uni ein Referat halte, denke ich manchmal darüber nach, was wohl passieren würde, wenn ich mir jetzt – unintendiert – in die Hose pinkeln würde. Aus diesem Gedanken ergeben sich dann ganz verschiedene Handlungsszenarien, deren Beachtung oder Nichtbeachtung weitreichende Konsequenzen für das Grußverhalten der  Kommilitoninnen und Kommilitonen angesichts meiner daherlaufenden Person ergeben. Die Chance, beim Vorbeigehen für die Bildung tuschelnder Grüppchen verantwortlich zu sein, will möglichst gering gehalten werden. Von der ruinierten Hose ganz zu schweigen.

Also! Wenn’s warm im Schritt wird, muss gehandelt werden. Und zwar schnell. Folgende Alternativen entstehen dabei in meinem pfeilschnellen Gehirn. (Wohlgemerkt während ich das Referat halte und mir vorstelle… Sie wissen schon.)

ERSTENS. Die erste Option ist gleichzeitig die verlockendste. Dem größer werdenden dunklen Fleck im Schritt gilt es mit souveräner Rötung des Gesichts zu begegnen. Man schaut an sich herunter, hebt den Blick wieder und nimmt Augenkontakt mit dem Plenum auf, wobei darauf zu achten ist, dass die eigenen Augenbrauen Verwunderung kommunizieren. Ohne ein Wort stürmt man nach draußen, wobei es nur stringent wäre, den ein oder anderen Stolperer einzustreuen. Dem Streber in der ersten Reihe kann man noch die Unterlagen vom Tisch fegen, er wird’s verzeihen.

Diese erste Alternative mag zwar den meisten Spaß bringen, dürfte aber soziale Sanktionen nach sich ziehen. Eine spektakuläre Performance , die in ewigem Außenseitertum resultiert? Hier gilt es abzuwägen.

ZWEITENS. Die Fassung bewahren. Etwas sagen. Zum Beispiel „Oh, pardon, ich muss mal kurz vor die Tür.“ Gemessenen und genässten Schrittes den Raum verlassen. Die Toilette aufsuchen und die Hose unter dem Waschbecken komplett befeuchten, sodass die Hose wieder einfarbig ist. Man wird denken, man habe sich eine neue, dunklere Hose angezogen. In den Seminarraum zurückkehren und das Referat fortsetzen. Bedenken, dass die Hose noch im Waschbecken liegt, umkehren, Hose anziehen, Referat fortsetzen.

Zwar erntet man auch mit dieser Option den Lohn des Stigmas, allerdings signalisiert man mit der gefassten Reaktion auf die Inkontinenz eine gewisse Routine. Die Studierendenschaft wird ein chronisches Blasenleiden vermuten. Unser Verhalten zeigt jedoch, dass wir mit dieser Situation umzugehen wissen.

DRITTENS. Das dritte Handlungsszenario stellt höchste Ansprüche an Selbstherrschung und inszenatorische Kompetenz. Denn es gilt, den peinlichen Fleck einfach zu überspielen. Ein guter Einstieg dazu ist sich umzudrehen, sobald man bemerkt, dass sich die warme Flüssigkeit ergießt. Zwar sollte man seinem Auditorium nicht den Rücken kehren, doch müssen Sie Ihre präsentatorischen Fähigkeit schulen, um auch diese ungünstige Kommunikationssituation zu meistern. Wildes Gestikulieren wird Ihre Zuhörer vom plötzlichen Umdrehen ablenken. Erhöhen Sie Ihre Sprechlautstärke. Wichtige Thesen dürfen auch gerufen werden. Im Anschluss ans Referat gibt es keine Diskussion, da Ihr Vortrag so gut war, dass keine Fragen offen bleiben. Sie verbeugen sich und verlassen den Raum – dabei aber nicht umdrehen!

Wenn diese Alternative konsequent durchgezogen wird, sind keinerlei Repressalien zu befürchten. Allerdings sollten sich wirklich nur geübte Redner auf Variante 3 verlassen.

Diese Szenarien entstehen also in meinem Kopf, während ich eine Referat halte und mir vorstelle, spontan in die Hose zu machen.

Dann mache ich mir spontan in die Hose. Sofort drehe ich mich um, fange dabei an zu heulen, rudere wild mit den Armen und postuliere laut schreiend, dass die Ego-Shooter-Ästhetik im Film Elephant äußerst facettenreich umgesetzt sei. Das Thema ist aber Niklas Luhmanns Systemtheorie. Das fällt mir dann auch auf, worauf ich den Raum verlassen möchte. Ich bleibe mit der Hüfte am Tisch hängen und stürze einem Medieninformatiker ins Netbook. In dessem Netzkabel verfange ich mich, trete in eine Umhängetasche und erreiche schließlich die Tür. Diese öffnet sich nur nach innen und wird von sitzenden Studenten versperrt. Umständlich machen sie mir Platz, während ich Nasenbluten bekomme. Als die Tür endlich offen ist, entschwinde ich und kehre nie mehr zurück.

Schrumpfkopftraum

Ich bin noch jung. Es ist genau das Alter, in dem sich ein Sohn seiner bedingungslosen Liebe zu seiner Mutter zum ersten Mal bewusst wird. Sieben, acht. Vielleicht neun.

Ich bin krank. Ich trage die Uniformierung der kranken Kinder: Bademantel. Meine Krankheit ist selten und verläuft zwangsläufig tödlich. Ich leide an einem Gendeffekt, der meinen Kopf schrumpfen lässt. Im Endstadium dieser seltenen Krankheit wird mein Schädel aussehen wie einer dieser kleinen Schrumpfköpfe mit zugenähtem Mund. Und dann sterbe ich, weil mein Gehirn zerquetscht wird.

Wenn es schon keine Heilung gibt, so doch wenigstens Linderung. In einem Hochsitz im Wald schabt mir eine junge Katze mit ihren Krallen das Gehirn stückchenweise aus der geöffneten Schädeldecke. Aber das ist so unangenehm, dass ich auf die Therapie verzichte.

Dann legt man mich in eine Mischung aus Webstuhl und Computertomograph. Die Maschine spannt ein Netz aus Schnüren unglaublich fest um meinen Kopf, damit das Gehirn nicht herausfällt. Das ist schon besser, auch wenn es sich jetzt schon fast wie ein richtiger Schrumfkopf anfühlt.

Jetzt bin ich bei Mama. Es wird nicht mehr lange dauern, ich sterbe bald. Mit einer dicken Mütze auf dem Kopf und im kuscheligen Bademantel genieße ich die verzweifelte Liebe einer Mutter zu ihrem todkranken Sohn. Sie gibt mir Medikamente, die mich schon bald schlafen lassen werden. Gleich ist es zu Ende.

Ich stehe am Fenster, sehe hinaus in den Garten. Der Walnussbaum bedeckt den Garten mit seinen giftigen Blättern, es regnet und stürmt. Drinnen ist es warm. Mir wird schwindelig.

Das ist das Zeichen: Jetzt ist es so weit. Ich sage es ihr. Sie weint und bringt mich in das Zimmer meiner Schwester, dort lege ich mich auf das Sofa. Ich bin traurig, aber ich fühle mich wohl. Wir schalten noch ein bisschen den Fernseher an.

webstuhl

Ohne Titel

Ampel: Rot.

Hinter mir: Ein dicker, schwarzer Mann in einem dicken, schwarzen Mercedes.

Er raucht eine dicke, schwarze Zigarre.

„Wenigstens konsequent“, sage ich, und fahre weiter.

Ein Gedicht (Gastbeitrag)

Meine Mutter

isst gern Butter

und Sour Cream, Schinkenwürstchen, Fischsalat, Kartoffelsalat, Ofenkartoffeln und das in großen Mengen.

Conrad Kerbel

Obwohl oder vielleicht gerade weil ihm die Sonne so früh am Morgen schon voll ins Gesicht schien, war der junge Mann wütend. Er hatte verschlafen, Kaffee verschüttet und er wusste noch nicht, was ihm gleich vollends den Tag versauen würde. Dann sah er den Blitz.

~

„Achtundachtzig, das sind achtunddreißig zuviel.“ Conrad Kerbel notierte Kennzeichen, Fahrzeugmodell und überschrittene Höchstgeschwindigkeit mit einem behaglich warmen Glühen im Bauch auf seinem Ringbuchblock mit Karopapier. Um seine Mundwinkel kämpfte ein schiefes Grinsen um sein Überleben, wurde aber dann vom eisigen Kalkül des jungen Herrn Kerbel niedergerungen.

Der rote Toyota mit dem blonden Proleten am Steuer war sein fünfter „Fang“, wie Conrad zu sagen pflegte, an diesem frischen Sommermorgen. Keine schlechte Bilanz – aber ausbaufähig. Ein keimender Sommer lockerte eben das Testosteron und verwandelte die ohnehin schon unerträgliche Menschenplage völlig in eine Horde Wilder. „Wilde mit Bleifuss“, bei diesem Gedanken röchelte sich ein krummes Lachen hervor aus dem tiefsten Graben, der noch einen letzten Funken Menschlichkeit enthielt, im vertrockneten Innern Conrads.

Später würde Conrad die gesammelten Geschwindigkeitsübertretungen – und, falls nötig, weitere beobachtete Ordnungswidrigkeiten – wie jeden Tag bei der lokalen Polizeidienststelle einreichen und darauf bestehen, Strafanzeige gegen jeden einzelnen im Protokoll vermerkten Verkehrssünder zu erstatten. Wie üblich, würden die Polizisten sein handbeschriebenes Papier zwar entgegennehmen, umgehende Bearbeitung versprechend, es im Hinterraum aber im Müll verschwinden lassen und sich lustig machen über diesen Pollunder tragenden Wunderling mit fettigem Haar. Aber das wusste Conrad nicht.

Und so saß er den ganzen Sonntag in seinem alten Audi an der Bundesstraße 414 und richtete seine Radarfalle, die er für viel Geld im Internet ersteigert und repariert hatte, auf den entgegenkommenden Verkehr. Mama wäre stolz, könnte sie ihn so sehen.

Mann mit Gitarre und Hut aus Platin

Der Mann spielt sein Lied auf der Gitarre. Wie immer. Er spielt das einzige Lied, das er kann: Das Westerwald-Lied.

Heute wollen wir marschieren
Einen neuen Marsch probieren
In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt.

Dabei fällt ihm heute das Singen, das in Wahrheit ein halbherziges Murmeln ist, besonders schwer. Gestern Nacht, er hatte es sich gerade unter einer wärmenden Schicht Blattgold und Diamantstaub gemütlich gemacht, kam eine Gruppe Friedensnobelpreisträger grölend über die Straße gewankt und fand es erbauend, ihm die Seele aus dem Leib zu prügeln.

Oh du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief in’s Herz hinein.

In der Pause zwischen Refrain und zweiter Strophe, die er wie gewohnt mit einem selbst ausgedachten Solo füllt, fühlt er mit der Zunge seinen Zähnen nach, die jetzt irgendwo vom Mahlwerk der urbanen Bordsteinkultur zerbröselt werden. Wie lange es wohl braucht, bis der Zahnschmelz nachgibt? Egal – der Mann fühlt keine Trauer, die verlustig gegangenen Beißwerkzeuge gehörten zu seinem sechsten Satz und er hat noch unzählige Gebisse übrig, die er in seinen Samsonite-Koffern unter Brücken und in U-Bahnhöfen versteckt. In der ganzen Stadt verstreut.

Und die Gretel und der Hans
Geh’n des Sonntags gern zum Tanz
Weil das Tanzen Freude macht
Und das Herz im Leibe lacht.

Weit und breit ist niemand, der seine Musik hört. Aber das macht ihm nichts aus, er hat seine Plattenverträge buchstäblich in der Tasche und scheißt auf sein Publikum. Einmal hat er einer Zuhörerin ein Stofftaschentuch abgeschwatzt und es für die Toilette (und andere Dinge) benutzt. Und während er da so hockte und sich abputzte, kam ihm der amüsierende Gedanke, dass er auf sein Publikum scheiße. Heute lacht der Mann darüber, genau so laut und lange wie er damals gelacht hatte.

Ist das Tanzen dann vorbei
Gibt’s gewöhnlich Keilerei
Und dem Bursch’ den das nicht freut
Man sagt der hat kein Schneid.

Dort biegt ein Zuhörer um die Ecke. Er scheint angespannt zu sein, denn beim Gehen blickt er starr vor sich auf den Boden. Kurz hebt er die Augen, um den Mann mit Gitarre und Hut aus Platin anzusehen. Doch sofort, als würde er sich schämen, senkt er seinen Blick wieder gen Betonboden. Der Mann hat sein Lied beendet, also erhebt er sich aus seinem Thron aus antiken Silbermünzen und geht schnellen Schrittes zum Zuhörer, der ja jetzt eigentlich kein Zuhörer mehr ist, weil das Lied vorbei ist. Also nennen wir ihn Passanten. Der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin schreitet also zum Passanten, der verdutzt stehen bleibt. Er greift in die Tasche seines makellosen Strellson-Sakkos und findet ein zerknüllte Kugel aus Wertpapieren, Besitzurkunden und Geldscheinen sowie mehrere ungeschliffene Smaragde und Rubine. Wahllos greift er nach dem, was seine Finger finden, und zieht eine handvoll Reichtümer hervor, die er dem Passanten hinhält.

„Hier. Als Proviant für die lange Reise.“

Der Passant entgegnet: „Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe mit ihrer Geldscheiße, ich brauche diesen Mist nicht.“ Als der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin sein Geschenk nicht wieder einsteckt, schlägt der Passant es ihm aus der Hand. Ein Rubin klackert umständlich über das Gitter eines Gullideckels, bis er in der Kanalisation verschwindet. Sie sehen ihm dabei zu. Als beide wieder auf- und sich in die Augen schauen, schnaubt der Passant ein wütendes „Guten Tag“ und hastet weiter.

Der Mann mit Gitarre und Hut aus Platin setzt sich wieder an seinen Platz und stimmt sein Lied an.

Heute wollen wir marschieren…

Silber