Archiv der Kategorie: Erkenntnisse

Erwachsen

Man ist erwachsen, wenn man keine sinnlosen Schlüssel mehr an den eigenen Schlüsselbund heften muss, damit er voll aussieht. Man ist erwachsen, wenn der Schlüsselbund schwer und voll ist.

Gärtner und Folie

Der Gärtner ist immer das Opfer.

Leute, die das Display neu erworbener Elektrogeräte nicht von der durchsichtigen Schutzfolie befreien, haben nie gelebt.

World of MyCraft

Mädchen spielen mit Puppen. Jungs spielen mit Autos.

So wollen es die sozialen Geschlechterrollen (Gender). Allerdings sind Puppen und Autos mittlerweile extrem uncool. Spätestens, wenn ein heranwachsender Mensch die Schwelle der Pubertät erreicht, werden die alten Spielzeuge uninteressant und Neues muss her. Die Folge:

Mädchen spielen mit MySpace. Jungs spielen mit World of Warcraft.

Und doch spielen sie alle, Männlein und Weiblein, mit dem selben Spielzeug.

Ich behaupte, dass der Erfolg der Phänomene MySpace und World of Warcraft (und auch Second Life, aber das lutschen andere aus) im Grunde der gleichen Motivation entspringt. Die größte Social Networking-Seite der Welt ist gleichzusetzen mit dem größten MMORPG der Welt. Haben beide doch augenscheinlich überhaupt nichts miteinander gemein: Während dort Menschen ihre Kontakte pflegen, Bilder und Videos einstellen und sich profilieren, kämpfen an anderer Stelle mutige Elfen, Orks und Menschen um wertvolle Gegenstände und Reputation. Doch erstrecken sich die Gemeinsamkeiten auch nicht auf den sichtbaren Teil, der Berührungspunkt liegt auf struktureller und psychologischer Ebene.

Beide Institutionen erlauben es dem User, sich eine virtuelle Identität zu schaffen und sich anschließend mit dieser Identität zu identifizieren. Für MySpace mag das befremdlich erscheinen, weil doch eine faktisch reale Person lediglich ein Profil erstellt. Aber aus der Perspektive der anderen User bleibt das Profil – und zwar nur das Profil – als Referenzobjekt, um sich ein Urteil über diesen Menschen zu bilden. Es ist davon auszugehen, dass das virtuelle Userprofil eines Menschen kein glaubwürdiges und genaues Bild der Realität wiedergibt. In der realen Welt gibt jeder Mensch ein Bild ab, ob er will oder nicht. Auf MySpace und Co. geben die Menschen das Bild von sich ab, das sie abgeben wollen. Sie konstruieren oder modellieren sich selbst und achten genau darauf, welche Aspekte ihrer Person sie der Öffentlichkeit preisgeben und welche sie unterschlagen. Menschen, die das in der realen Welt tun, wertet man als unehrliche Blender oder „falsche Leute“ ab.

Für World of Warcraft gilt das ebenfalls. Man kreiert sich einen Avatar, der äußerlich nichts mit dem realen Spieler zu tun hat. Man wird aufgrund seiner Spielstärke und seines Einsatzes bewertet, die Person dahinter ist fast irrelevant. Der Spieler investiert seine Persönlichkeit in etwas Virtuelles.

Beiden Instanzen liegt also ein Akt des Bauens zugrunde. Wie bei Lego. Allerdings bestehen die Klötzchen beim Spiel „MySpace“ aus sorgsam ausgewählten Versatzstücken des Profilinhabers (Bilder, Musikstücke, Videos, Äußerungen), während das Spiel „World of Warcraft“ einen eigenen Pool an Bausteinen mitbringt. Die Auswahl ist begrenzt. Das, was äußerlich an kreativer Eigenleistung unmöglich ist, wird durch eine umso tiefere Identifizierung mit der Spielfigur ausgeglichen.

Der Baukasten von MySpace ist größer und besteht aus Werkstoffen, die aus der Realität gewonnen werden. Der Baukasten von World of Warcraft ist kleiner, dafür bricht das Spiel jede Bande mit der Realität und erlaubt eine hundertprozentige Abkapselung von ebendieser. Aber das ist eine andere Geschichte.

Einschlafgedanken

Fashion kennt keinen Zweck.

Kinder sind unfertige Menschen.

Sozialhydrologie

Jens stößt sich von der schmutzigen Umfassung des Festzelts ab und schwimmt zu den anderen. Sein Kopf durchdringt nie die Oberfläche, trotzdem erstickt er nicht. Wenn er sein Haupt nach oben wendet, sieht er weißen Plastikhimmel und blasse Kronleuchter, die niemand anschalten will. Stattdessen schießt die Bühne farbige Photonen durch den Raum. Denn in buntem Licht schwimmt es sich einfach besser.

Bereits nach ein, zwei Zügen muss er anderen Schwimmern ausweichen, sich durch sie hindurchzwängen, den Blick entweder starr geradeaus oder auf die Hinterteile beliebiger Mädchen gerichtet. Jens genießt das. Kostete ihn das Schwimmen anfangs noch Mühe, geht jetzt, nach drei Bieren, alles wie von selbst – er lässt sich treiben und kommt ohne nennenswerte geistige oder körperliche Anstrengung an sein Ziel. Zu den anderen, zum Rest.

Ihre Körper bilden einen kleinen Kreis, Jens verschafft sich durch Lautäußerungen einen Platz in der Kette. Er lacht und plötzlich hat er ein Bier in der Hand. Hier vorne gibt es keinen Rand, an dem man sich festhalten kann, hier vorne wird frei geschwommen. Die Gruppe stürzt Getränke hinunter, redet, schaut, trinkt, tanzt, ruft, winkt, konsumiert, begrüßt und verabschiedet und trinkt.

Jens fühlt sich pudelwohl, weil er nichts fühlt. Würde er jetzt anfangen nachzudenken, käme er vielleicht nie zu dem Schluss, dass er sein Wohlgefühl seiner Eigenschaft als Einzelheit, als Fragment verdankt. Als Teil. Und wo ein Teil ist, da ist auch die Summe vieler Teile: die Masse. Und in genau dieser badet Jens gerade. Aber sie besteht nicht nur aus Menschen. Sie beinhaltet viel mehr. Der Masse wohnt etwa der Zauber inne, dass alle Individuen in diesem Festzelt letztlich das gleiche tun. Jedes Teil verhält sich synchron zueinander. Jedes Fragment ist mit jedem anderen Fragment im Raum in Beziehung gesetzt, allein durch die geballte körperliche Anwesenheit aller – nein, allein, weil alle aus demselben Grund hier sind. Es gibt etwas zu feiern.

Was genau es zu feiern gibt, ist wiederum egal. Denn der Reiz der Party ist nicht das Bier, ist nicht die Musik, sind eigentlich auch nicht die Leute. Und schon gar nicht der Anlass.

Der Reiz der Party ist das Schwimmen. Das Planschen in einem Zustand, in dem man so wenig Individuum ist wie jeder andere. In dem man einander gleich ist. In dem man sich vor sich selbst nicht rechtfertigen braucht, weil es das Selbst nicht mehr gibt. Der Reiz ist das Driften in totaler Verantwortungslosigkeit.

Jens weiß das, als er sich zum dritten Mal in den Wald erbricht. Er denkt nur nicht darüber nach.

Faschong

Dass die Worte „Fasching“ und „Faschismus“ einander so ähnlich sind, ist kein Zufall.