Archiv der Kategorie: schöne Medienlandschaft

Infinite-Twitpic-Theorem

Es gibt da dieses Theorem, das besagt, dass Affe + Schreibmaschine + unendlich Zeit = William Shakespeares Werke ergibt. Variationen davon erhöhen die Anzahl der tippenden Affen bis ins Unendliche oder wollen als Ergebnis keine englische Schnarchliteratur, sondern sowas fetziges wie den Gesamtbestand der französischen Nationalbibliothek. Auf Wikipedia ist das ganze sehr schön erklärt, auch wenn es einige Spinner mal wieder übertreiben mussten mit ihrer Formelmasturbation.

Die schockierende Wahrheit ist, dass dieses Theorem bereits in der Praxis umgesetzt wird. Geschickt getarnt als Twitterbildchendienst Twitpic. Die beschäftigen leider keine Affen an Schreibmaschinen, sondern seelenlose Maschinen, die jedem hochgeladenen Bild eine Zufalls-URL zuweisen. Natürlich kommt da bei 99,9% nur Quatsch bei heraus, genau wie bei den Affen, aber ab und zu produziert der Zufall Worte mit Sinn – die natürlich nicht das geringste mit dem jeweiligen Bild zu tun haben. So gibt es etwa folgenden Prosatext, der eindeutig dadaistisch-aphrodisisch inspiriert ist.

twitpic.com/HELLO
twitpic.com/WANT
twitpic.com/FUCK
twitpic.com/CAUSE
twitpic.com/ME
twitpic.com/LIKE
twitpic.com/SEX

Andere, mitunter fatalistische Werke handeln von den Herausforderungen des tristen Alltags.

twitpic.com/MY
twitpic.com/CAR
twitpic.com/BROKE
twitpic.com/DOWN
twitpic.com/WHAT
twitpic.com/AMESS
twitpic.com/CONS
twitpic.com/IDER
twitpic.com/SUI
twitpic.com/CIDE

Und so läuft sie, die Literaturmaschine.

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:) \o/

esr

Emoticons haben unter Menschen, die meinen, etwas von geschriebener Sprache zu verstehen, einen schlechten Ruf. Man mache es sich ja auch allzu leicht, metasprachliche Signale, Ironie, Zynismus und so weiter mit einem simplen Smiley auszudrücken. Da gehe das Gefühl für Sprache verloren, man müsse sich bei der Formulierung nicht mehr anstrengen et cetera bla bla.

Ich halte das bisweilen für Quatsch, bisweilen für richtig. Fest steht, dass Emoticons in der medialisierten Alltagskommunikation dominanter werden (vgl. dazu diesen Tweet von @id404). Fest steht auch, dass Emoticons mitunter kein platter Ersatz, keine Abkürzung mehr sind: sie sind selbst Gegenstand von (ironisch gebrochener) Reflektion. Sie werden mit viel Feingefühl eingesetzt. So wie hier auf esreality.com, einer Communityseite für so genannten E-Sport, also kompetitiv betriebene Computerspiele. Demnächst startet ein großes E-Sport-Event in Dubai. Alle großen Quake Live-Spieler sind am Start und in einer Ankündigung wurde allerausführlichste Berichterstattung versprochen. Berichterstattung heisst hier: Livestream der Spiele, dazu Kommentar. Macht unglaublichen Spaß. Sollte man also nicht verpassen.

Die Coverage ist so ausführlich, dass ein ganzes Wochenende dafür draufgehen könnte. In den Kommentaren zu der Ankündigung diskutieren die User nun über eventuelle Schwierigkeiten, die der Besitz, äh, das Vorhandensein einer Freundin auslösen könnte. Der User becks benutzt Emoticons dabei auf eine wunderbare Art und Weise, die seine Hin- und Hergerissenheit illustriert: Einerseits kommt seine Freundin zurück, was ihn freut, andererseits wird ihm diese erfreuliche Tatsache das Verfolgen der Berichterstattung verunmöglichen. Dafür braucht becks nicht mehr als zwölf Worte und vier Smileys.

#rzf oder Schnitt(chen)stelle Print-Web oder There’s no Path to Follow

Entschuldigungen ob der Verstaubtheit dieses Blogs interessieren niemanden und darum widme ich mich direkt dem Thema: Was passiert, wenn eine Regionalzeitung twittert und ihre Follower einlädt? Es folgt ein (natürlich) subjektiv verblattwerktes und eingefärbtes Gehirnprotokoll eines sogenannten „Followerabends“ in Koblenz: Die Rhein-Zeitung gewährt einigen ihrer Follower Zutritt zum „Newsdesk“ (früher sagte man: Redaktion), spricht mit ihnen und lässt sie in den Eingeweiden der Druckerei herumspazieren.

Und natürlich gibt es Schnittchen.

Um Zeuge dieses Symptoms eines Medienumbruches – und der Reaktionen der tradierten Massenmedien darauf – zu werden, genügt: Fragen. Die Redaktion wählt dann nach mir nicht bekannten Methoden unter der mir nicht bekannten Anzahl von Rückmeldungen eine endliche Anzahl von Followern aus, sendet ihnen ein Word-Dokument mit Angaben zu Zeit/Treffpunkt zu und harrt der Fressen, die da kommen.

Ich fuhr zusammen mit dem mächtigen @senadpalic hin und traf auf ein Grüppchen junger Menschen (wobei jung hier bedeutet: ab 19 über Mittzwanziger bis zu Ü40, aber deutlich U50). Interessant: Neben uns wartete ein Rentnerpärchen, die für eine „normale“, also nicht mit Twitter assoziierbare, Führung gekommen waren. Wäre ja auch ein weltbildzerschmetternder Klops gewesen.

Ein Trainee begrüßte und führte uns in einen Besprechungsraum, wo wir von Lachs-, Schinken- und Salamischnittchen mit Handschlag begrüßt wurden. Dort aßen wir den @RZChefredakteur sowie einen Redakteur des RZ-Twitterteams. Kann aber auch sein, dass ich da was durcheinanderbringe. Auf jeden Fall leiteten die Schnittchen eine kleine Begrüßungsrunde ein, jeder Follower (mit stilechtem Namensschildchen auf dem Tisch) wurde kurz anmoderiert und dann gefragt, wie er/sie zu Twitter gekommen ist, wie es das Leben beeinflusst, welcher Art die eigenen Tweets sind, was man generell davon hält und Hallo und Leckerdarfichnocheinkäseschnittchen und Wowardochgleichderflaschenöffner. Parallel zum Palaver beamte ein Beamer das jeweilige Profil an die Wand und ein RZ-Schnittchen klickte hier und dort auf einen Link. Spaßig und interessant.

Nach der Kür die Pflicht:Wahrscheinlich aus ehrlicher Interessensvermutung führte uns der oben bereits erwähnte Trainee in den handfest-materiellen Part des RZ-Klotzes: Papierkeller, belasertes Aluminium und gigantische und furchtbar schnelle Druckmonster (Assoziation eines Followers: Schiffsmotor). Sehr laut, insofern verstand man nicht so viel von den Ausführungen des Ausführers, außerdem sorgten die eigenen Mobiltelefone im Allgemeinen sowie @senadpalic im Speziellen für diffundierte Aufmerksamkeit.

Man mag versucht sein, solch eine konservative Gebäudeführung im Rahmen einer Zusammenkunft, die sich um ein  shiny new Medium dreht, für ideenlos oder eine Option aus Mangel an Alternativen zu halten. In Wahrheit aber macht genau dieser Kontrast den Reiz einer solchen Veranstaltung aus: Oben redet man über ein gehyptes Internetmedium und im Keller des gleichen Gebäudes rödeln große Maschinen an einem Blatt aus Papier, wie es traditioneller nicht sein könnte (vgl. Altersdurchschnitt der RZ-Leser). Und so ist es eben doch ganz ertragreich, wenn junge Netzmenschen („Digital Natives“, Zitat Christian Lindner) mit großen Augen dabei zusehen, wie sich eine alte Zeitung (wenn auch leicht verspätet) mit den Herausforderungen des Web auseinandersetzt, ohne den Bodenkontakt zu verlieren.

Außerdem, und das ist ein vielsagendes Detail, war der Chefredakteur die ganze Zeit dabei – und das sicherlich nicht, weil ihm sonst langweilig gewesen wäre. Nach der Führung trug ebendieser noch ein paar Dinge zu crossmedialem Journalismus, den verschiedenen Plattformen der Rhein-Zeitung und dem kommenden Wahlmobil vor, was für mich eigentlich der schwächste Moment des Followerabends war, weil er doch eine großzügige Messerspitze Eigenwerbung enthielt (und der @RZChefredakteur wird sich nun in die diabolische Faust lachen, denn das war ja sowieso eine große Heizdeckenfahrt und dass ich darüber blogge ist ja noch viel mehr Reklame und ach herrje). Und so war es auch nur konsequent, dass wir uns zum Abschied entweder ein Taschenlämpchen oder einen RZ-Knirpsregenschirm als Giveaway aussuchen durften. Sicher aufrichtig nett gemeint, aber überflüssig.

Würde man mich zwingen den Abend knapp zu bilanzieren, so würde ich sagen „schön & gut“, inklusive aller darin enthaltener metasprachlicher Signale. Mit viel Mühe umgesetzt, vielleicht noch zu wenig Dialog (wobei ich mir selbst mangelnde Laberlaune vorwerfen lassen müsste und die Herren ja auch mal Feierabend machen wollten). Und so halte ich es mit diesem Followerabend wie mit der Piratenpartei: Es ist wichtig und ein vielsagendes Anzeichen für kommenden Veränderungen, dass es so etwas überhaupt GIBT. Und dass es so etwas gibt, ist gut so.

Ach ja, Fotos wurden auch gemacht:

http://www.flickr.com/photos/senadpalic (von @senadpalic)

http://www.getdropbox.com/gallery/1860398/1/2009-08-27%20RZ%20Followerabend?h=bac795 (von @mittelrheintal)

BILDwerk

Manchmal weiß ich auch nicht.

Quelle: bild.de.

Infotainment… nicht (1)

Galileo am 27. Juni 2008, Aiman Abdallah teasert die heutigen Beiträge an.

„Todesfalle Grillparty!“

Und so weiter.

Ein Hitlervergleich (Gastbeitrag)

[Betrifft Flashmob-Aktivisten, die auf dem Fahrrad sitzend und im Kreis fahrend einen belebten Verkehrskreisel lahmlegen.]

[TT]: ahahaha

[TT]: die sind wie hitler

[TT]: mit legalen mitteln das system lahmlegen

König trifft Pöbel oder Schmidt & Pocher

Der Harald-Schmidt-Show ging es nicht gut, die Quoten ließen zuletzt zu wünschen übrig. Da hatte jemand von der ARD eine tolle Idee:

Wenn wir doch ohnehin schon den großen Privatsendern immer ähnlicher werden – warum kaufen wir dann nicht einfach ihre Zugpferde ein? Wenn der Mob Pro7 guckt und dort Oliver Pocher sieht, müsste er doch auch ARD gucken, wenn dort Oliver Pocher erscheint.

Soweit der Plan. Dessen Konsequenzen am gestrigen Abend (22:45 Uhr, ARD) bestaunt werden konnten. Die Meldung, dass Pocher bei Schmidt einsteigen würde, war ja eigentlich schon Skandal genug. Der Unterhaltungsgott Schmidt, dieser unantastbare Monolith der deutschen Fernsehlandschaft, holt sich einen selbsternannten B-Promi ins Boot, dessen Witzigkeit sich nicht einmal um das Wort „Gürtellinie“ schert und dessen Mundwerk bisweilen pietätlos locker ist.

Kurz: Schmidt ist Niveau, Pocher ist auf die Fresse.

Interessante Startbedingungen. Aber wie lässt sich das unter einem Sendeformat vereinigen? Was passiert, wenn Frontsau und graue Eminenz aufeinander treffen?

Zunächst einmal nicht viel. Obwohl die große Buchstabenstadt im Vorspann jetzt auch das Wort „Pocher“ enthält und man dementsprechend gespannt ist, erscheint zunächst nur Schmidt. Helmut Zerlett ist wieder da und knittert uns sein Gesicht entgegen – wo ist die Showband mit dem coolen Kiffer?

Harald füllt die ersten fünf Minuten so, wie er es immer tut: Kommentar hier, Zote da, Haha, lustig, was haben wir geklatscht. Und dann donnert der eisenharte Hammer der privaten Gossenunterhaltung hiernieder und zerschmettert ein Stück Fernsehgeschichte: Pocher in der ARD. Sie haben es tatsächlich getan.

Sein Auftakt ist peinlich, der dämliche Tanz hinter der Silhouette symptomatisch. Sein Platz neben Schmidt erinnert an etwaige Nachrichtensendungen. Man beginnt, sich Pointen zuzuwerfen, die Vorlagen wirken konstruiert und angestrengt. Es stört, wenn Oliver zu einem Gag ansetzt und von Harald unterbrochen wird, der dann erst einmal sein eigenes Geschichtchen erzählt und dann: „Sorry, mach‘ weiter.“ Und Pocher beginnt noch einmal von vorn, kann seine Pointe aber nicht setzen, weil eine unlustige Kurt-Beck-MAZ gezeigt werden muss. Ein zerstückelter blassroter Faden schimmert hervor.

Angenehm ist hingegen, dass Pocher tatsächlich zum dummen August und Handlanger Schmidts gemacht wird, insbesondere in den Beiträgen zum Promi-Pilgern (schlecht) und dem Ärztekram (gut). Das tolle Gerät, mit dem Pocher im Bildschirm herummalen kann, hätte ruhig offensiver eingesetzt werden können. Warum – und es lag so nahe – malt Oliver dem Herrn Schmidt nicht ein Hitlerbärtchen ins Gesicht? Es wäre zumindest stringent gewesen…

Günther Jauch bewegt sich kantig und steif, ist aber sympathisch wie immer – und angemessen schlagfertig. Am Ende entschuldigt sich der Meister für eventuelle Patzer der ersten Sendung – eine rhetorische Nullnummer.

Insgesamt tun sich Schmidt und Pocher ein wenig schwer. Schmidt weiß noch nicht mit einem Helferlein umzugehen, das nicht Manuel Andrack heißt. Pocher hat zwar eingesehen, dass er nur Co-Moderator ist, verhält sich aber ansonsten genau wie im Privatfernsehen. Für ihn persönlich ist es empfehlenswert, sich nicht zu verbiegen, denn Pocher ist mittlerweile Marke. Aber das öffentlich-rechtliche Korsett passt ihm einfach nicht.

Vielleicht wird er sich hineinzwängen, wir werden sehen. Nächsten Donnerstag zum Beispiel.